Alte Liebe, neues Glück – Silvaner aus Franken (Teil 1)

19 Mrz
19. März 2015
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2015 – Mein persönliches Silvanerjahr

 

Vielleicht wird man ja wirklich etwas sentimental mit zunehmendem Alter… Aber nach meiner Rückkehr von der Prowein, dem ebenso unvermeidlichen wie hektischen Stelldichein der Branche, fühle ich mich genötigt, eine Lanze für die Langsamkeit in Trinkdingen zu brechen. Ich habe in den letzten Wochen vor dem kollektiven Schlürf- und Spuckmarathon unheimlich wenig verkostet – dafür aber stetig, ruhigen Mutes und mit klarem Fokus auf meine fränkische Heimat und ihre wichtigste Traube…

Der Silvaner – soviel ist mir nach dieser alkoholischen Dauermeditation klar geworden – hat es mehr als verdient, hier bei Schumanns Weinblog einmal wirklich ausgiebig in Form eines Mehrteilers gewürdigt zu werden, denn der alte knorrige Knabe entpuppt sich nicht erst seit gestern als regelrechte Wundertüte des guten Geschmacks – und das sowohl bezüglich objektiv vorhandener Qualität, als auch als dankbares und vielversprechendes Experimentierfeld. Besonders in Franken ist die stilistische Bandbreite inzwischen derart atemberaubend groß, dass es sich für jeden einigermaßen seriösen Beobachter verbietet, von so etwas wie „dem“ fränkischen Silvaner zu reden! Um diese Tatsache zu erkennen, musste man nicht einmal nach Düsseldorf…

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Silvanerwelten

 

Mit ist es auch nach Dutzenden verkosteten Weinen in den letzten Wochen schlechterdings nicht möglich, einen aktuell tatsächlich dominierenden Trend zwischen Tauber und Rhön auszumachen. Freilich war man sich winzerseits noch vor ein paar Jahren weitgehend einig, dass die Zukunft in einer etwas weniger rustikal-erdigen Machart liege, als sie in der Region historisch beheimatet war. Spätestens seit den 90ern hielt neben der gewissenhafteren und tendenziell späteren Lese moderne Kellertechnik am Main Einzug, es wurden Edelstahltanks angeschafft, kühl vergoren und nicht selten mittels entsprechender Reinzuchthefen Primäraromen aus dem kantigen fränkischen Sturkopf gezaubert, die man zuvor niemals für möglich gehalten hätte. Dies führte – Puristen haben das schon früh bemängelt – zu einer nicht zu leugnenden Entfremdung des Silvaners von seinen eher deftigen Wurzeln und auch in meinen Augen zu einer gewissen Vereinheitlichung des Geschmacks. Allerdings besonders im Alltagsbereich auf einem wesentlich höheren Niveau, als jemals zuvor…

Wie immer in der Weinwelt, führte diese mehr oder minder allumfassende Bewegung – nur wenige Winzer blieben zur Gänze einer traditionellen Stilistik treu – jedoch recht bald zu ersten gegenläufigen Pendelausschlägen: Auch im inzwischen mehrheitlich auf dropsig-frisch und irgendwie rieslinghaft getrimmten Silvanerland hielt die spontan vergärende Avantgarde des Weinbaus Einzug und besann sich auf die Arbeitsweise ihrer Vorväter, denen man in derartigen Kreisen immer wohlwollend unterstellt, sie hätten den irgendwie besseren und vor allem den ehrlicheren Wein auf den Bocksbeutel gebracht. Ich möchte in diesem Zusammenhang kein stinkiges altes Fass aufmachen, begegne einer derartig pauschalen Verklärung der „guten alten Zeiten“ jedoch stets mit gesunder Skepsis…

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Alles kann, nichts muss…

 

Allerdings – und das ist eine durchweg gute Nachricht – sorgt der formidable Ausbildungsstand der zeitgenössischen fränkischen Winzer dafür, dass auch noch so archaisch bereitete Silvaner – bis hin zu den inzwischen unvermeidlichen Orange – Varianten – in ihrer überwiegenden Mehrzahl sauber und korrekt riechen und schmecken. Es gibt freilich auch am Main Fanatiker, die auf jeden zeitgenössischen geschmacklichen Konsens pfeifen, was ich grundsätzlich sehr begrüße. Doch ein Biotop für Freaks ist Franken deswegen noch lange nicht! So erscheint es mir, dass die fränkischen Weinmacher dieser Tage die gesamte Palette von jung und frisch über mineralisch-markant bis hin zu holzschwanger und episch breit auf einem mehr oder weniger allgemeinverträglichen Level bedienen. Noch immer gibt es natürlich vor allem im Fundament der Qualitätspyramide die Tendenz zur Frische, Präzision und Trinkbarkeit, doch spätestens ab der Mittelklasse scheint heute alles erlaubt und vieles auch wirklich spannend zu sein…

Ich werde in den nächsten Tagen eine ganze Reihe von Silvanern aus Franken hier bei Schumanns Weinblog vorstellen, die dem geneigten Leser verdeutlichen sollen, was für ein schier unendlicher Kosmos hier der Entdeckung harrt. Dabei verzichte ich bewusst auf eine Kategorisierung, denn ich habe weder Schwarz noch Weiß vorgefunden auf meiner inneren Frankenreise, sondern allerhand herrliche Grau-Schattierungen, die sich jeder Schublade entziehen…

Hier geht es zu Teil 2!

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  1. […] bereits in Teil 1 meiner Silvaner-Reihe mehr als ausführlich geschildert, empfinde ich den Silvaner nicht zuletzt […]

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