Alte Liebe, neues Glück – Silvaner aus Franken (Teil 2)

05 Mai
5. Mai 2015
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plackner_silvaner_schumanns-weinblog

 

Annäherung an das Chamäleon – Ein Aussteiger machts möglich

 

Wie bereits in Teil 1 meiner Silvaner-Reihe mehr als ausführlich geschildert, empfinde ich den Silvaner nicht zuletzt als wahres Genie in Punkto Vielseitigkeit und Anpassungsfähigkeit. Dies macht ihn in meinen Augen viel eher zu einem passenden Vergleichsgegenstand des durchglobalisierten Chardonnay denn der Terroirgottheit Riesling, selbst wenn auch er sehr gut seine Herkunft widerspiegeln kann…

Der Silvaner lässt seinem Heger und Pfleger recht viel Spielraum im Keller und steckt – ob das nun eine Tugend oder eher ein Defizit ist, möge jeder selbst für sich entscheiden – auch ambitioniertes „Winemaking“ recht gut weg. Zumindest meinereiner hat in Deutschland noch keine zweite Traube aufgespürt, die von der einfach gestrickten Partybrause Modell „Junges Franken“ bis hin zum oxidativen, herausfordernd stinkigen Orange Wine ein vergleichbar anständiges Qualitätsniveau bietet. Es mag sein, dass der Silvaner in allerletzter Konsequenz bezüglich absoluter Weltklasse mit dem Riesling nicht ganz mithalten kann, aber winzerischen Mut belohnt er wie kaum ein anderer – womit wir endlich bei meinen beiden heutigen Kandidaten angelangt wären…

Ich bin – das gebe ich ganz unumwunden zu – mehr als erfreut, dass ich dem geneigten Leser von Schumanns Weinblog heute Herrn Thomas Plackner und seine beiden Silvaner  des Jahrgangs 2012 vorstellen kann. denn sie sind nicht nur von unstrittiger objektiver Qualität, sie stehen geradezu sinnbildlich für zwei Silvanerwelten, wie man sie in den letzten Jahren immer häufiger mittels einen Griffes in den heimischen Kühlschrank bereisen kann…

Herr Plackner – seines Zeichens bis vor ein paar Jahren in der Großindustrie tätig – ist zwar nicht im engeren Sinne ein junger Wilder, doch bezeichnet er sich mit Fug und Recht als Aussteiger, dem es an Leidenschaft und Hingabe gewiss nicht mangelt. Anders als viele andere Quereinsteiger  betrachtet er seine neue Tätigkeit im Weinbau nicht als schnödes Investment, sondern als wirkliche Berufung, der er behutsam und akribisch nachgeht. Noch nennt er kein Weingut sein Eigen und ist auf die Unterstützung befreundeter Winzer angewiesen, doch hat dies alles rein gar nichts mit hobbymäßigem Dilletieren zu tun!  Seit er vor ein paar Jahren begann, sich ernsthaft mit dem Thema Wein zu befassen, absolvierte er mehrere Praktika bei namhaften Größen der Branche auch außerhalb Frankens und absolvierte einen Aufbaustudiengang für Nebenerwerbswinzer in Veitshöchheim. Der Mann weiß genau, was er tut – man kann es seinen beiden Weinen anschmecken…

 

Plackner 2012 Silvaner Einsteiger

 

Dieser treffend titulierte Basiswein von Herrn Plackner verdeutlicht sehr schön, was ich in Teil 1 als mehr oder minder konventionellen, modernen Stil bezeichnet habe. Dabei ist er jedoch ganz gewiss kein Vertreter der dropsigen Allerweltsfraktion – banal ist anders und kein Gegenstand meines Blogs -, er verlangt seinem Verkoster lediglich keine bewusstseinserweiternde Geschmacksknospenmeditation ab, um als angenehme Abendunterhaltung verstanden zu werden…

Der Einsteiger stammt aus Parzellen im großartigen Randersacker Sonnenstuhl, wurde in zumindest hochgradiger Spätlesequalität gelesen, recht kühl vergoren und anschließend ausschließlich im Edelstahl ausgebaut. Dies alles macht ihn zu einem ausgesprochen gut trinkbaren, freundlich primärfruchtigen, mineralisch angehauchten Paradesilvaner der Generation Geisenheim, vielleicht wirklich eher „gemacht“, das aber verdammt gut…

 

Plackner 2012 Silvaner Aussteiger

 

Ganz anders als sein kleiner Bruder namens Einsteiger präsentiert sich der Aussteiger, dessen Namensgebung ebenfalls mehr als gut getroffen erscheint: Es gefällt mir, dass Thomas Plackner ganz offensichtlich bezüglich der Nachvollziehbarkeit von Preis-, Qualitäts- und Anspruchsstufen genauso denkt wie ich…

Auf den ersten Schluck ist der Aussteiger zunächst einmal ein überaus kraftstrotzender Vertreter seiner Rebsorte, der mit seinen Reizen ganz gewiss nicht geizt. Das schmeckbar bombastisch reife Ausgangsmaterial für diesen Power-Silvaner stammt aus den auf dem Papier gar nicht einmal so illustren Lagen Mainstockheimer Hofstück und Zeilen Mönchshang, sein Alkoholgehalt von stolzen 14 Prozent ließ mich zu Beginn ein klein wenig aufhorchen.

Dennoch – und das ist eine uneingeschränkt gute Nachricht – wirkt Thomas Plackners Aussteiger in keinem Moment – noch nicht einmal bei gut 12 bis 14 Grad im Glas –  fett oder gar brandig. Dieser dicke Franke vom Quereinsteiger kann sich nämlich durchaus beachtliche Komplexität auf die Fahnen schreiben, ja eine bemerkenswerte Vielschichtigkeit, die nicht zuletzt von seiner aufwendigen Machart herrührt, die so gut wie alle Methoden der zeitgenössischen Weinmacher-Avantgarde vereint, ohne über die Stränge zu schlagen…

Nach der selektiven Lese wurde nämlich die Hälfte der Trauben im Stil der viel zitierten Orange Wines maischevergoren, ein weiterer großer Part konventionell im Edelstahl und ein kleiner Rest im gebrauchten Barrique bester französicher Herkunft. Das Ergebnis ist ein wirklich spannender, breit angelegter Silvaner mit viel Reife, beinahe noch mehr Cremigkeit und mehr als einem Hauch Würze und Biss, kurzum ein Wein, der bereits viel von der Faszination archaisch bereiteter Naturweine vorwegnimmt, ohne dabei je in die Nähe von Verkopftheit oder gar Fehlerhaftigkeit zu geraten. Und dabei ist er noch ein Baby…

Plackner Silvaner Einsteiger 2012 um 10€ und
Plackner Silvaner Aussteiger 2012 um 20€ ab Hof

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