Christmann 2011 Riesling trocken Pfalz

Ich bin immer wieder erstaunt wenn ich die großen Lagen der Pfalz sehe. Hört man schillernde Namen wie „Forster Jesuitengarten“, „Kirchenstück“ oder „Ungeheuer“, dann denkt man unweigerlich an mehr oder minder steile, markant in der Landschaft thronende Weinberge. Sieht man sich allerdings Fotos der genannten und anderer Prachtlagen in Deutschlands zweitgrößtem Anbaugebiet an, oder reist selbst in dieses gelobte Weinland, dann fragt man sich enttäuscht: „DAS soll das „Ungeheurer“ sein und DAS da der „Kastanienbusch“? Wo ist der Weinberg? Wo fängt er an und wo hört er auf?“

Es mag etwas seltsam anmuten, aber Weinberge im Wortsinn, atemberaubende Steillagen oder gar in schwindelerregender Höhe an den Fels gemauerte Terrassen wie anderswo gibt es in der Pfalz praktisch überhaupt nicht. Die Landschaft ist lieblich – toskanisch aber nicht sehr markant (ähnlich wie in Rheinhessen) und die besten Lagen sind nicht gleich als solche zu erkennen. Das bedeutet freilich nicht, dass es nicht eklatante, bei den besten Winzer sogar frappierende Lagenunterschiede, ja phantastischen Terroircharakter gäbe. Vieles erschließt sich dem Weinreisenden jedoch erst auf den zweiten Blick…

Steffen Christmann, seines Zeichens amtierender Präsident des VDP, ist ein glänzender, ja ein großartiger Interpret einiger der besten Lagen rund um sein Weingut in Gimmeldingen. Da sind sich alle Kritiker, sämtliche „Weinprofis“ und unendlich viele zufriedene Trinker einig. Darüber muss man auf Schumanns Weinblog nicht schreiben. Herr Christmann ist auch ein sehr telegener Zeitgenosse, ein wirklich sympatischer Vertreter seiner Zunft, der perfekt die Symbiose aus gewandter Weltläufigkeit und Bodenständigkeit verkörpert, die das Selbstverständnis der Pfalz ausmacht. Doch auch dies ist hinreichend bekannt, auch das wäre es nicht zwangläufig wert, einen weiteren Artikel über den netten Herrn und seine Weine zu verfassen. Warum dann also dieser Beitrag?

Ganz einfach: Ich hatte noch keinen besseren Gutsriesling seit es diese Seite gibt. Keinen aus 2010 und auch keinen 11er. Den knackig leckeren „Von Buhl“ in allen Ehren, aber das hier ist richtig großes Kino – und das quasi im Vorprogramm. Es wäre in meinen Augen eine grobe Unterlassung, wenn man über Pfälzer Riesling schriebe ohne Christmann zu würdigen. Ich werde – soviel sei versprochen – bei entsprechender Kassenlage und wenn es thematisch wieder einmal passt, sicherlich an dieser Stelle auch den Hauptfilm spielen und mich den gehobenen Qualitäten des Hauses widmen. Vorerst bin ich jedoch schon hin und weg vom „Einstiegswein“…    

Eine bessere Balance ist mir bei einem Riesling dieser Kategorie selten, wenn nicht noch nie untergekommen. Die Frucht ist voll und heiter, driftet jedoch niemals in Richtung Kitsch ab. Das viel zitierte Eisbonbon hat hier Urlaub, dieser Wein ist eine spröde Schönheit mit jeder Menge markanter Mineralität und einer Säure, die ihre Mitspieler nicht verdrängen sondern nur ergänzen will. Alle Komponenten dieses komplexen Tropfens gehen Hand in Hand in die richtige Richtung, ohne jedoch angesichts dieser Perfektion Langeweile aufkommen zu lassen. Der 2011er Riesling trocken von Christmann ist weitaus mehr als der Vorfilm, er ist ein Versprechen. Ein Versprechen des ganz großen Kinos…

um 10€ hier

SCHUMANNS WEINBLOG

 

 

 

   

 

 

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2 Kommentare
  1. admin
    admin says:

    Die meisten Lagenweine ähnlich guter Weinmacher könnten sich von diesem Basiswein eine dicke Scheibe abschneiden. Trotzdem ist er keine „verkappte“ Spätlese. Er bleibt auf der lustigen, trinkigen Seite – ein Pfälzer eben… Es wird allerhöchste Zeit, dass ich das Gebiet wechsele!

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  1. […] in der Nase – Wick Blau gibt es da nie! Den rebsortenübergreifenden Beweis kann man hier und hier (sind nämlich doch Reinzuchthefen!) nachlesen – ich habe bereits über das […]

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