Dreimal Rotwein aus Serbien und ein paar Worte über Mut

26 Mai
26. Mai 2014
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Spannendes Startup in der nischigsten aller Nischen

 

Die Wege des World Wide Web sind unergründlich. Und das ist auch gut so! Wäre dem nicht so, dann böte sich mir zum Wochenstart nicht die Gelegenheit, die Leser von Schumanns Weinblog auf ein funkelnagelneues, durchaus horizonterweiterndes Weinprojekt aufmerksam zu machen…

Erst vor kurzem erhielt ich nämlich ein Paket mit drei einigermaßen kapitalen Roten aus einer Weltgegend, durch die ich mich bisher noch überhaupt nicht getrunken hatte. Doch nicht nur die Weine – das kann ich bereits verraten – erwiesen sich recht schnell als durchaus eindrucksvoll, auch das Konzept, das hinter diesen definitiv ersten Weinen aus Serbien steht, die ich jemals verkosten durfte, kann sich mehr als sehen lassen:

Auf samovino.com kann man künftig als Balkan-Unbedarfter zunächst einmal 12 serbische Tropfen erwerben, die von den Machern der Plattform vor Ort ausgewählt und fachkundig auf die Probe gestellt wurden. Ich möchte das Projekt Samovino an dieser Stelle nicht en detail erklären, ein paar Eckdaten will ich dem geneigten Leser dennoch angedeihen lassen: Man kennt – was ich mehr als erfreulich finde – sämtliche Winzer persönlich steht daher seitens Samovino zu 100 Prozent hinter den angebotenen Produkten. Hier geht es um Leidenschaft und nicht um schnöde Handelsware. Das Sortiment ist zumindest zu Beginn klein und überschaubar und soll den Anfänger und Unkundigen gleichermaßen nicht überfordern, wie es den Kenner südosteuropäischer Weinkultur nicht langweilen will. Zunächst wird es hierzulande kein eigenes Lager geben, der Verkauf der ersten Weinpakete erfolgt vielmehr im Stil einer Sammelbestellung. Diese begann am 22. Mai mit einer gut besuchten Auftaktveranstaltung in Berlin und wird insgesamt 30 Tage dauern.

Ich persönlich wünsche den Initiatoren alles Glück der Welt für ihre Unternehmung, denn eines lässt sich mit Fug und Recht behaupten: Die Herrschaften haben Mut und Pioniergeist im Überfluss, sie betreten mit ihrer freiwilligen Selbstbeschränkung auf wenige handverlesene Flaschen aus einem in Deutschland eigentlich komplett unbekannten Weinland ohne lautstarke Lobby und geschulte Promoter nämlich durchaus dünnes Eis. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass es tragen wird und zahlreiche Weinentdecker zwischen Flensburg und Berchtesgaden tatsächlich einmal am eigenen Leib erfahren möchten, was sich tut im unbekannten Herz Ex-Jugoslawiens. Und das ist eine ganze Menge, wie mir nach der ersten Kontaktaufnahme scheint…

 

Neuer Rotwein aus Serbien – Ein Mann von Welt, ein Kaiser und ein urwüchsiges Original

 

Wie überall im mehr oder minder wilden Osten, existiert auch in Serbien ein Nebeneinander alter, traditioneller und teils autochthoner Sorten und internationaler Klassiker. Letztere dienen zumeist dem Zweck, auch außerhalb der Landesgrenzen marktgängige Weine zu produzieren und erste echte Marken zu schaffen. Ob Cabernet, Merlot und Co in näherer Zukunft alteingesessene Varietäten flächendeckend verdrängen werden, weiß ich nicht und hoffe es auch nicht, allerdings bin ich keiner dieser notorischen Lamentierer und Untergangspropheten, für die jeder Stock Chardonnay gleichbedeutend mit Identitäts- und  Kulturverlust ist. Wenn man nämlich einmal ganz ehrlich ist, dass wird man einsehen, dass der Eintritt in den raubtierkapitalistischen Weltmarkt des Rebensaftes mit nachvollziehbaren und vor allem verständlichen Etiketten einfacher zu bewerkstelligen ist, als mit Rebsorten, die bei Wikipedia durchweg rot geschrieben stehen…

Außerdem – und das ist in allen neuen Qualitätsweinländern von Belang – kann man sich bei der Erzeugung klassischer Weine aus klassischen Trauben viel leichter Hilfe in Form von önologischen Beratern und Flying Winemakers holen. Selbst wenn man nicht diesen, in europäischen Snobkreisen inzwischen geradezu verpönten, Weg geht, kann man als Winzer aus einem derartigen „Entwicklungsland“ zeitgemäßes und präzises Arbeiten mit beispielsweise Cabernet Sauvignon in mindestens einem Dutzend Staaten erlernen. Das dies – bei aller Würdigung der teils Jahrtausende alten Weinkultur dieser Weltgegend – nicht selten Not tat und tut, wird jeder Weintrinker bestätigen können, der in seiner Jugend am östlichen Ufer des adriatischen Meeres urlaubte…

So möchte ich den heiteren serbischen Rotwein-Reigen mit dem vielleicht konventionellsten der drei Rotweine eröffnen, der ausschließlich aus dem weltläufigen Cabernet Sauvignon erzeugt wurde und auch bezüglich seiner Machart ein Kosmopolit ist:

Der Kremen vom Weingut Mataj ist nicht mehr und nicht weniger als ein absolut sortentypischer, im Barrique ausgebauter Cabernet der gehobenen Mittelklasse. Auch wenn ich nicht unbedingt etwas eigenständig serbisches an ihm finden kann,  ist er für mich dennoch ein durchaus wichtiger Wein und ein perfekter Einstieg, denn er zeigt beispielhaft, wie gut man sich dort inzwischen auf die Erzeugung absolut konkurrenzfähiger Produkte versteht, die keinen Vergleich mit ähnlichen Tropfen von diesseits oder jenseits des großen Teiches zu scheuen brauchen. Der Kremen duftet unverholen reif nach Cassis und dunklen Beeren, dazu gesellen sich prototypische Barrique-Assoziationen in Gestalt von etwas Vanille und dezenten Rauchnoten. Im Mund ist der Kremen dann zwar keine wirkliche Überraschung – das will er wahrscheinlich auch gar nicht sein -, aber es ist dennoch erfreulich, wie verhältnismäßig altweltlich und wenig aufgeplustert er sich gibt. Der Alkohol ist perfekt eingebunden, die dralle Fruchtigkeit wirkt niemals marmeladig und die Gerbstoffe sind zwar rund und harmonisch, allerdings weit weniger weich gespült, als man es bei einem Wein gemeinhin erwarten darf, der offen als Vertreter einer neuweltlichen Stilistik angepriesen wird…

Der zweite Rotwein aus Serbien, der sich in meiner lustigen Überraschungstüte befand, macht schon rein äußerlich klar, dass in ihm nicht wenige Ambitionen stecken. Der Quintillus vom Weingut Imperator spielt mit seinem Namen auf die römische Vergangenheit seiner Ursprungsregion und des gesamten serbischen Weinbaus an. Hinter dem Namen Quintillus verbirgt sich denn auch kein geringerer, als der allseits bekannte und gemeinhin hoch geschätzte Philosophenkaiser Marc Aurel. Man muss jedoch – und das ist eine uneingeschränkt gute Nachricht – keine hohen akademischen Weihen empfangen haben, um gleich beim ersten Schnuppern zu erkennen, dass diese proppere Cuvée aus Merlot und Malbec noch eine ganze Schippe drauflegt… Selbstredend dominiert auch beim Quintillus ausgesprochen reife und einnehmende Frucht, jedoch liegt seine wahre Stärke im Bereich der Sekundäraromen. Zu Beginn und ohne vorheriges Dekantieren wirkt der antike Edelmann zunächst etwas hochnäsig und überrascht mit einem gehörigen Schub animalischer Eindrückt von Leder und tierischer Transpiration. Nach einer kurzen Weile treten hierzu jedoch weit exklusivere Düfte vom Schlage des von mir viel zitierten englischen Herrenzimmers, sowie grob geschrotete und geröstete orientalische Gewürze. Im Mund zeigt sich der Quintillus ausgesprochen weich und rund, ohne jedoch je ins Beliebige abzugleiten. Die Gerbstoffe geben sich äußerst kultiviert, harmonisch und für einen derart jungen Rotwein von Format und Klasse bereits recht weit entwickelt. Man kann diesen Oberklasse-Serben in der Tat bereits jetzt mit Wonne vertilgen…

Der vielleicht spannendste Wein in meinem Paket ist – zumindest in meinen Augen – jedoch der Experiment Prokupac vom Weingut Cokot mit einem Apostroph auf dem C, den meine westliche Tastatur leider nicht hergibt. Er wurde aus der mir bislang gänzlich unbekannten gleichnamigen Rebsorte Prokupac bereitet und sorgt zumindest bei einem Laien wie mir für die Illusion von Ursprünglichkeit und Authentizität. Ich habe keine Ahnung, ob dieser gleichermaßen markante, durchaus schwergewichtige und dennoch ungeheuer lebhafte Wein beispielhaft für die guten Seiten des alten und urwüchsigen Weinserbien ist. Ist dem tatsächlich so, dann sollten die Winzer des Landes tunlichts vermeiden, alle vielversprechenden Lagen mit internationalen Sorten zu bestocken! Das in Mund und Nase durchaus spürbare Holzgerüst mag eine Konzession an den globalen gegenwärtigen Rotweingeschmack sein, doch damit endet bereits jede Kategorisierbarkeit dieses wirklich eigenständigen Tropfens:

Seine Stärke liegt nämlich ganz eindeutig in der Zusammenführung von scheinbar unvereinbarem, der Experiment Prokupac verströmt ein beinahe schon burgundisch anmutendes Boquet von Beeren und Waldeindrücken. Am Gaumen schlägt dann eher die nördliche Rhone – man verzeihe mir diese ewige Vergleichrei, aber dieser Wein ist wirklich Neuland – mit irgendwie syrahhafter Pfeffrigkeit, einer gewissen Strenge und reichlich Kräutern durch. Zu allem Überfluss, als wäre die lustvolle Verwirrung nicht schon groß genug, verabschiedet sich der Experiment Porkupac dann auch noch mit einer fast schon süchtig machenden Säure, die für einen südlichen Wein dieses Kalibers wahrlich nicht normal ist…

Als Fazit zu meinen ersten Serben kann ich also nur besten Gewissens attestieren, dass ich einigermaßen sprachlos und durchaus beeindruckt bin, was für eine Bandbreite dort inzwischen verfügbar ist. Zumindest im Fall der von mir verkosteten drei Rotweine kann man gar nicht nachdrücklich genug betonen, wie gut dort traditionelle Anklänge mit den Anforderungen der Moderne verknüpft werden. Das lässt mehr als nur hoffen! Sowohl für den serbischen Wein, als auch für das mutige Projekt Samovino…

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