ENATE 2008 Cabernet Sauvignon – Merlot Somontano Spanien

von Christian Schumann

Man wird es wohl nie vermeiden können, es wird immer Zeitgenossen geben, die unseren Weinbeschreibungen nichts abgewinnen können, die sie teilweise sogar gekünstelt bis lächerlich finden. Ich möchte hier nicht zu einer weiträumigen Verteidigung unserer sprachlichen und stilistischen Vorgehensweise ansetzen, aber eines möchte ich schon einmal in aller Klarheit äußern:

Die deutsche Sprache gibt nicht sehr viel her bezüglich Geschmack, Geruch und Sinneseindrücken irgendwo in der Grauzone dazwischen. Wir sind daher gehalten, zur Erreichung unseres Zieles auch sprachlich einfallsreich vorzugehen. Denn eines kann und darf nicht zum Inhalt von Schumanns Weinblog werden:

Es darf keine Reduzierung unserer Eindrücke auf die schlichten Kategorien „gut“ oder „schlecht“ geben. Es darf kein unkommentiertes „lecker“ genügen und auch keine subjektive Vergabe von vermeintlich objektiven Punkten. Wir sind eine Plattform, die den mündigen Konsumenten inspirieren will und eben kein Weinführer mit absolutem Anspruch. Doch noch ein anderer Gesichtspunkt ist für uns diesbezüglich relevant:

Betrieben wir hier schlichtes Schwarz – Weiß – Denken, dann wäre unsere Arbeit ziemlich überflüssig. Denn eines ist so gewiss wie erfreulich: Es gibt in unseren Tagen so wenig schlechten oder gar grob fehlerhaften Wein wie wahrscheinlich noch nie in der Jahrtausende alten Geschichte dieses Getränkes. „Gut“ oder auf irgendeine Weise „lecker“ wären demnach beinahe alles frei verkäuflichen Tropfen – man könnte sich also jeglichen weiteren Kommentar sparen…

Unser Fokus liegt jedoch auf einer Dimension jenseits des bloßen Nichtvorhandenseins von schlechtem Geschmack. Wir wollen über Weine berichten, die uns etwas erzählen. Wir wollen Weine präsentieren, die im besten Fall sogar so etwas wie eine eigene Persönlichkeit haben und die etwas über ihre Herkunft und ihre Macher berichten. Dabei sind wir gewiss nicht radikal oder gar ideologisch, denn wir werden bei allen Hintergrundinformationen immer das primär im Blick behalten, auf das es am meisten ankommt: Den Wein im Glas. Dennoch wollen wir mehr und müssen es in unseren Augen auch. Ich werde jedoch immer die Grenzlinie zwischen reiner Konsumentenberatung und esoterischer Verklärung genau im Blick behalten…

Unser heutiger Spanier ist ein perfektes Beispiel für den Konflikt zwischen „objektiver“ Bewertung und unserer Herangehensweise: Schriebe ich einen Wein – Guide, ich würde ihn sicherlich mit zahlreichen Punkten bedenken. Denn der Cabernet – Merlot von Enate ist gewiss kein übler Tropfen. Er ist in seiner Preisklasse mit ziemlicher Sicherheit sogar ein richtiger Hit, ein prototypischer moderner, kräftiger Rotwein mit einem Rest von Stil und ansatzweisem Format.

In der Nase fallen einem unmittelbar deutliche Holznoten auf, gepaart mit kräftiger, leicht süßer Beerenfruchtigkeit. Dazu gesellen sich leicht reife Eindrücke von Leder und Tabak. Im Mund gefällt der Enate auch mit voller, wärmender Frucht, leicht balsamischen Noten und jeder Menge hochwertigen Eichenholzes samt Vanille und Kaffee. Die Säure ist nicht tot, jedoch wird sie (wie die recht abgeschliffenen Tannine) auch keinen eingefleischten Colatrinker am schnellen Genuss hindern. Dieser Wein hat eigentlich alles, was man von einem solide gemachten Rotwein der Mitteklasse erwartet, er tut keinem weh und niemand wird ihn ruhigen Gewissens als „schlecht“ bezeichnen können.

Dennoch finde ich ihn absolut uninteressant und in keiner Weise inspirierend. Er hat nicht den Ansatz von Eigenständigkeit oder gar Charakter. Er ist ein recht perfekt gemachtes Industrieprodukt, nicht mehr und nicht weniger, ein absolut klassischer Vertreter der seit spätesten den 80er Jahren überall auf dem Planeten verbreiteten Einheitsweine im Stil der Neuen Welt. Eine solche Cuvée aus Cabernet und Merlot lässt für mich – zumindest wenn sie so stark von intensiv getoasteter Eiche geprägt ist – keinerlei Rückschlüsse auf seine Herkunft zu. Er könnte überall entstanden sein, von der Südpfalz bis nach Uruguay… Das ist Einheitsbrei, zwar irgendwie plakativ „lecker“ aber eben Einheitsbrei.

Wer also tatsächlich mit unseren Beschreibungen und unserer Schwerpunktsetzung seine Probleme hat, dem sei dies selbstredend zugestanden! Er möge sich diesen Wein kaufen (gibt es um 10€ fast überall im Netz) und ich gebe ihm gleich noch eine Buchempfehlung mit auf den Weg. Wer jedoch gemeinsam mit dem Team von Schumanns Weinblog ohne Scheuklappen und ideologischer Verbrämung auf Entdeckungsreise gehen will, dem rate ich in den nächsten Wochen zum fleißigen Lesen. Denn wir haben ganz fantastische Weinpersönlichkeiten aufgespürt, die mehr zu sagen haben…

WWW.SCHUMANNS-WEINBLOG.DE

 

 

Print Friendly, PDF & Email
1 Antwort
  1. Alex.
    Alex. says:

    Habe hier gerade von Mundus Vini „der große internationale Weinpreis“ 2012 in der Hand. Hier sorgen 248! Verkoster für genau das, was wir eigentlich nicht wollen. Gefällige Einheitsplörre, die zu jeder Gelegenheit passt… Lächerlich, dass eben jene Verkoster dann auch noch das hohe Maß an Objektivität hervorheben, mit dem diese Probe von statten ging. Wir, die andauernd Subjektivität fordern, können in solch einer „Verkostung“ und der angeblichen Objektivität nur eines Ablesen: Werbung für die Großhändler, die dann als Bezugsquellen auch fleißig genannt werden…

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar