Gereifte Weine: Altersmilde Arnies

26 Aug
26. August 2014
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Alpenländische Kraftmeier – Liegen lassen!

 

Gleich zu Beginn möchte ich klarstellen, dass die nun folgende Kritik gottlob ein paar Jahre zu spät kommt. Gerade in der jüngsten Vergangenheit hat sich stilistisch ungemein viel bei unseren südlichen Nachbarn geändert, fast schon vergessen scheinen die Zeiten, da man zwischen der Donau und dem Südburgenland seine önologische Weltläufigkeit vor allem mittels roher Kraft und himmelstürmenden Punktezahlen beweisen wollte…

Die Zeit der richtig dicken Dinger, der postglykolskandalösen „Wir sind wieder wer“ – Weine scheint ausgestanden, selbst wenn es für meinen persönlichen – und zugegeben sehr deutsch vermoselten – Geschmack noch immer zu viele adipös botrytische Smaragde und aufgeblasene Prestige-Cuvées gibt. Aber sei’s drum, Österreich hat inzwischen nicht zuletzt durch die Einführung der DACs ein einigermaßen vorbildliches und stringentes System entwickelt, in dem Herkunft fast alles und Machart und Rebsorten allenfalls sekundäre Größen sind. Davon sollte man sich mittelfristig auch in Deutschland eine Scheibe abschneiden, im Land der telefonbuchdicken Weinkarten und Sortentypizitätsblockwarte…

Doch das neue Österreich mit seinen nicht selten kompromisslos gebietstypischen Weine soll an dieser Stelle nicht mein Thema sein. Oder zumindest nicht nur… Die beiden kapitalen weißen Brummer, die ich dem geneigten Leser heute ans Trinkerherz legen möchte, haben nämlich schon ein paar harte Winter in den Knochen und stammen zumindest aus meiner Sicht aus einer überaus interessanten Phase des österreichischen Weinbaus, in der noch nicht zur Gänze klar war, wohin die Reise letztendlich gehen würde.

Sie sind beide aus der internationalsten aller Rebsorten bereitet, wurden nicht zu knapp mit Holz traktiert und weisen Alkoholwerte auf, die jedem speckigen Überseemoppel zu höchster Ehre gereichen würden. Dennoch – und das unterscheidet sie von vielen ihrer Geschwister aus nah und fern –  beweisen sie sehr eindrucksvoll, dass sie wohl von Anfang an weit mehr als punkteheischende Gernegroße waren, denn sie sind durchaus typisch für ihre jeweilige Heimat und gut gereift. Sehr gut sogar…

 

Eruption – Urkraft aus der Tiefe

 

Mein erster Kandidat, der 2008er Eruption aus dem außerordentlich gut beleumundteten Hause Ploder-Rosenberg im steirischen Vulkanland, spielt schon rein optisch sehr stark mit seiner Herkunft und vor allem mit seiner schieren Kraft. Ich bin – so ehrlich möchte ich sein – außerordentlich froh, dass ich diesen holzgereiften Morillon alias Chardonnay mit immerhin vollen 14 Volumenprozent und hochbarockem Eichenkleid nicht wesentlich früher gekostet habe. Mein Urteil wäre gewiss anders ausgefallen als heute, da sein Bizeps ein wenig erschlafft ist und das Testosteron seinen wahren Tugenden nicht mehr allzu breitschultrig im Weg steht.

Auch wenn mich Etikettenaufschriften wie „Kraft aus der Erde“ immer irgendwie an dusselige Titel noch dusseliger Filme erinnern, so ist der Eruption in der Tat alles andere als ein weingewordener Schrei nach Anerkennung. Er zeigt sich nämlich durchaus polarisierend, extrem markant, breit und kraftvoll, unheimlich reif, meilenweit jenseits jeder oberflächlicher Primärfrucht und voll von wirklich schmeckbarer vulkanischer Würze. Das Holz und der Alkohol – in den ungestümen Jugendjahren gewiss die großen Gleichmacher – haben sich höflich in die zweite oder gar dritte Reihe verdrückt.

So wie er sich jetzt präsentiert, ist der 2008er Eruption ganz sicher ein großartiger, ja vielleicht sogar ein großer tiefgründiger Weißer aus der Steiermark, der Machart und Herkunft ganz eindeutig über die Rebsorte stellt. Daran ändert auch sein etwas reißerisches Äußeres nichts…

 

Schmalztopf ade – In der Ruhe liegt die Kraft

 

Ganz ähnlich verhält es sich bei meinem zweiten Betrachtungsgegenstand, der 2009er Chardonnay Reserve vom Vorzeigebetrieb schlechthin in der Thermenregion. Auch dieses wahrhaftige Schwergewicht hat sich in seinen ersten paar Jahren auf Erden nicht nur blendend gehalten, es ist vielmehr zu ganz großer Form aufgelaufen.

Eine derartige Dichte, Cremigkeit und geradezu epische Breite kann man im weißen Bereich wohl nur mit Chardonnay erreichen… Allerdings wirkt im derzeitigen Stadium auch hier nichts überzogen, laut oder gar angeberisch. Die ausreichende Reifezeit hat dafür gesorgt, dass sich die ausladenden Kurven der Chardonnay Reserve von Alphart nunmehr in annähernd perfekter Harmonie an den mineralisch bissigen Kern des Ganzen schmiegen. Auch die Eiche treibt hier nicht einem Vergewaltiger gleich ihr Unwesen, sondern bündelt die noch immer im Überfluss vorhandene Energie wie ein edler Rahmen.

Das erscheint mir, der ich deutschsprachigem Chardonnay teilweise noch immer skeptisch gegenüber stehe, sehr wichtig. Ich will, solange ein derartiger Wein genug Substanz aufweist, durchaus Holz riechen und schmecken, allerdings ist der Grat zur Übertreibung stets ein überaus schmaler. Leider gibt es noch nicht allzu viele Winzer im Herzen Europas, die ihn so gekonnt meistern, wie viele Franzosen mit ihrer jahrhundertelangen Erfahrung. Karl Alphart ist ganz offensichtlich einer von ihnen…

Ploder-Rosenberg 2008 Eruption Weiss um 25€ bei Weinkost Auch in Nürnberg
Alphart 2012 Chardonnay Reserve für 24,95€ gleich nebenan bei delikatEssen (2009 ist leider vergriffen)

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