Hospices de Beaune 1998 Pommard

29 Jul
29. Juli 2015
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Alter Burgunder – Urlaub von der ewig jungen Wildheit

 

Gewohnheiten sind – auch wenn es eine ewige Binse ist – nicht zuletzt da, um ab und an gebrochen zu werden. Ich befasse mich jahrein, jahraus mit mehr oder minder spannenden Nischenweinen, die von mehr oder weniger jungen und ab und zu auch tatsächlich wilden Typen auf ganz moderne oder teilweise auch betont altmodische Weise gemacht und nicht selten unheimlich hipp etikettiert werden. Mein heutiger Trinktipp hat nichts von alledem, er erscheint schon rein äußerlich aus der Zeit gefallen und ich habe ihn dennoch überaus genossen…

Als ich vor kurzem wieder einmal – es ist jedesmal eine wahre Freude und Bewusstseinserweiterung – zu Gast beim churfränkischen Burgunderkönig Fürst in Bürgstadt war, bot sich mir die nicht in tausend Jahren ablehnbare Gelegenheit, einige ältere Jahrgänge der in der absoluten Weltklasse spielenden Roten des Hauses zu verkosten. Das Ergebnis war gleichermaßen ehrfurchtgebietend wie persönlich niederschmetternd:

Was ich inmitten des Centgrafenbergs an gereiften Preziosen ins Glas bekam, das muss und kann man einfach nicht zum gefühlt millionsten Mal als schlichtweg umwerfend und großartig beschreiben – das wäre ein Allgemeinplatz für jeden ernsthaften Weinfreund. Betrüblich stimmte mich allerdings der Umstand, dass Weinmenschen wie meinereiner viel zu selten Tropfen verkosten, geschweige denn trinken können, die sich in exakt dem Lebensalter befinden, in dem sie zu ihrer besten Form auflaufen. Jahrgangspäsentationen, Messen und En Primeur – Verkostungen haben zweifellos ihren Reiz und sind unentbehrlich in diesem Geschäft, doch verlangen sie stets einiges an Phantasie, was die Entwicklung anbelangt. So erfahren man da inzwischen auch sein mag und so farbenfroh das Kopfkino auch flackert, die Realität ist immer noch ein Stück weit bunter…

So begann ich, mich nach meiner Rückkehr in meine, fast ausschließlich mit flüssigen Jungspunden gefüllte Behausung, zunächst theoretisch mit reifen Burgunderweinen und ihren heimischen Äquivalenten zu befassen, um deren Entwicklungspotenzial es gemäß der klassischen Diktion nicht ganz so gut bestellt sein soll, wie um das der ewigen Konkurrenz von Gironde und Dordogne. Da jedoch Lesen allein nicht immer ausreicht, um zu wahrer Erkenntnis zu gelangen, suchte ich nach Quellen für trinkreife bis richtig alte Pinot Noirs guter Provenienz, die allerdings nicht nur in die Budgetplanung steuerflüchtiger griechischer Reeder passen durften. Obwohl ich – dieser Illusion sollte man sich auch nicht hingeben – keine wirklich großen Weine fand, so stöberte ich dennoch so einige nette Best Ager auf – und zwar da, wo ich es niemals vermutet hätte…

 

Versteigerungswein vom Franchiser – Bescherung auf der Resterampe

 

Meinen heutigen Kandidaten, einen Träger der Orts-Appellation Pommard aus dem nicht eben als grandios eingestuften Jahrgangs 1998, habe ich tatsächlich online bestellt – und zwar beim bundesweiten Marktführer der Öl-, Essig- und Spezereien-Filialisten. Offenbar hatte man ihn Ende der 1990er – wie auch einige andere Burgunder, über die ich bei Gefallen noch berichten werde –  bei der Mutter aller Weinversteigerungen in Beaune über einen ansässigen Händler namens Albert Bichot erworben und fortan im Portfolio einiger Nierderlassungen sowie im zentralen Onlineshop geführt. Gottlob – und das ist in der Rückschau mehr als ernst gemeint – verkaufte sich dieser Wein, der zudem die Bezeichnung „Cuvée Billardet“ trägt, offensichtlich nicht gerade wie eine sprichwörtliche warme Semmel, so dass er nun, gegen Ende seiner prognostizierten Lebensspanne, einigermaßen massiv im Preis reduziert wurde.

Mir war bereits im Moment des Erwerbs klar, dass die Vorzeichen im Falle dieses in die Jahre gekommenen Pinots nicht gerade glorreich ausfielen: Kein sonderlich guter Jahrgang, eine zwar historisch interessante, aber trotzdem auf dem Papier eher unspektakuläre Lagen-Cuvée und noch dazu ein Negociant, der auch nicht zu den ausgewiesenen Platzhirschen der Branche zählt. Dennoch war mein Kauf im Nachhinein ein guter, so dass ich ihn keine Sekunde lang bereut habe…

 

Hospices de Beaune 1998 Pommard „Cuvée Billardet“ – Raubein, in Würde gereift

 

Auch dies ist freilich eine Binsenweisheit in kundigen Weinkreisen, doch viele Burgunder schmecken in der Tat tendenziell so, wie ihre Herkunftsorte klingen. Übertragen auf die Nachbarschaft meines heutigen Gegenstandes der Betrachtung bedeutet dies nicht selten, dass Volnay die eleganteren, feminineren und tänzerischen Tropfen hervorbringt, während Pommard schwerere Geschütze auf den Gaumen des Verkosters abfeuert. Diese viel zitierte, aber dennoch nie von höchster Stelle ratifizierte Gesetzmäßigkeit bestätigt unser Pommard auch noch im Rentenalter, denn er zeigt sich unmittelbar nach dem Einschenken sehr kraftvoll, zupackend und überaus dunkelbeerig, allerdings hat ihm der Zahn der Zeit jeden Rest nachgesagter herkunfstypischer Härte und ansatzweiser Rustikalität weggeknabbert…

Auch wenn ich ansonsten ältere Burgunder nicht dekantiere, musste ich diesmal so verfahren, denn der Korken zerbrach beim ersten Versuch der Öffnung. Einen Makel bedeutete dies jedoch nicht, denn für gut eine Stunde hatte ich in der Folge einen auch im Mund noch sehr vitalen, eher breit angelegten Pommard-Prototypen im Glas. Die Gerbstoffe zeigten sich allerdings sanft und reif, übermäßige Alterungsnoten oder gar Fehltöne waren nicht wahrnehmbar, das Gesamtkonstrukt kam sehr harmonisch und schlichweg einnehmend samtig daher. Mein Steak freute sich gewiss mindestens so sehr wie meine Wenigkeit über diese gelungene Abendgesellschaft, auch wenn nach Ablauf des genannten Zeitraums die Vergänglichkeit doch noch zuschlug: Man sollte den Hospices de Beaune 1998 Pommard eher schnell leeren, denn auf die Dauer wird er säuerlicher, härter, ja vielleicht sogar ein wenig metallisch, bevor ihn letztlich die Oxidation ins Wein-Nirwana befördert.

Trotzdem fällt mein Fazit unverhofft positiv aus: Wer sich für leistbare trinkreife Burgunder interessiert, dem will ich keinesfalls davon abraten, sein Glück mit diesem erfreulich fitten Restposten zu versuchen…

Hospices de Beaune 1998 Pommard „Cuvée Billardet“ für 24,90€ bei Vom Fass

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