Milch Spätburgunder Silberberg 2009 Rheinhessen

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von Christian Schumann

[dropcap2]Z[/dropcap2]urück nach Rheinhessen, zurück zum Weingut Milch, der Geburtsstätte einiger der besten Chardonnays Deutschlands. Es wäre allerdings ein schwerer Fehler – soviel habe ich beim Verkosten meines Probierpaketes bemerkt – diesen Betrieb ausschließlich auf seine wohl bekanntesten Produkte zu reduzieren. Man versteht sich auch auf den Ausbau anderer Rebsorten, gerade die Rotweine stehen ihren propperen weißen Geschwistern oft in nichts nach. Neben dem von uns hier auf Schumanns Weinblog immer wieder angepriesenen Frühburgunder widmet sich das Weingut Milch auch mit einigem Erfolg dem roten Klassenprimus Weingermaniens, dem Spätburgunder. Hierbei sticht besonders unsere heute vorzustellende Premium-Variante heraus, bei der Karl-Hermann Milch – wie schon beim Chardonnay „Blauarsch“ – beweist, dass er sehr gut mit neuem Holz umzugehen versteht.

Allerdings bedeutet guter Umgang in diesem Zusammenhang nicht nur Unterstützung oder Untermalung, nein, das hölzerne Gerüst dieses Männerweins (tut mir leid, ist aber so…) ist robust und ganz sicher nichts für Eleganzsucher, Schlankeitsfanatiker und Frischefreunde. Es wurde in den letzten Jahren viel über zu starken Holzeinsatz geschimpft und es hat sich als Folge dieses medialen Gesinnungswandels einiges verändert in der Weinwelt. Ich begrüße an sich diese Rückbesinnung auf einen klaren und reinen Geschmack ohne exzessive süßlich-herbe Schminke. Es wurden in den letzten Jahrzehnten zu viele Weine derart barriquevernagelt, dass einem das kalte Grausen kommen konnte vor lauter monotoner Vanille-, Tabak- und Kaffeearomen. Die allermeisten mitteleuropäischen Weinkritiker und Journalisten sind sich daher auch einig, dass sich der Wein auf einem guten Weg hin zu mehr Trinkbarkeit und vor allem Differenziertheit befindet. Doch was denkt der Konsument? Was will eigentlich der Durchschnittstrinker, der eine halbe Ewigkeit lang dazu erzogen wurde, viel Holz und dicke Frucht ganz toll zu finden und dem man jetzt auf einmal weißmachen will, dass diese Geschmacksprägung ein Irrweg gewesen sein soll?

Ich habe in vielen Gesprächen den Eindruck gewonnen, dass abseits der Weinszene – vor allem von Männern mittleren Alters – noch immer sehr gerne dicke Brummer mit ordentlich Eichenparfüm getrunken werden. Da ich kein Psychoanalytiker bin, möchte ich nicht darüber spekulieren, ob frühkindliche Traumata oder tiefsitzende Komplexe zu derlei Vorlieben führten. Es ist und bleibt aber eine Tatsache, dass sehr viele vorwiegend männliche Weintrinker fette Parkerbomben lieben, obwohl sie keine testosterongesteuerten Machos mit Profilneurose sind. Das kann dem selbsternannten Geschmacksguru gefallen oder nicht, es ist extrem schwer, zu derlei Trinkertypen durchzudringen und ihnen die heutigen Trendtropfen mit Herkunfts-, Lagen- und Sonstnochwasausdruck schmackhaft zu machen. Ich befürchte, dass eine erkleckliche Zahl weintrinkender Herren der Schöpfung schlicht nicht daran interessiert ist, ihre Gewohnheiten auf das in selbsternannten Kennerkreisen geforderte intellektuelle Niveau anzuheben. Für sie ist Wein Unterhaltung, sie wollen ihn sofort verstehen und genießen, wollen augenblicklich wissen, wo der Hammer hängt. Teurer Wein muss sofort als solcher zu erkennen sein und dies funktioniert offenbar noch immer am besten mit jeder Menge Holz, Alkohol und Extrakt. Es mag desillusionierend sein, aber die Suche nach der Unverfälschtheit des Geschmacks wird noch für unabsehbare Zeit ein ziemlich elitäres Randgruppenphänomen bleiben…

Wer wie ich langsam beginnt, dies einzusehen und nicht den einsamen Tod des Propheten sterben will, der hat dennoch Möglichkeiten, in Gesellschaft tollen Wein zu trinken, der vielleicht nicht jedem Nerd gefallen mag, der jedoch ohne Frage von allererster Güte ist, obwohl er recht dick aufträgt. Und dazu muss er noch nicht einmal mehr beim Franzosen oder Italiener seines Vertrauens kaufen… Der Silberberg vom Weingut Milch dürfte mit einiger Sicherheit einer der kräftigsten, holzbetontesten und irgendwie auch gewaltigsten deutschen Spätburgunder sein, die ich seit langem hatte. Dabei handelt es sich bei diesem Dickschiff in keiner Weise um einen ordinären Haudrauf: In der Nase internationaler Standardduft allererster Güteklasse: Süße dunkle Beeren, Vanille, Lakritze, Rauch aus dem Herrenzimmer von Anno dazumal und ein trockenes Bouquet grani aus der Provence. Die Farbe ist sortenuntypisch tiefdunkel und im Mund geht direkt die Post ab: Der Silberberg vom Weingut Milch ist ein Maul voll erfreulicher Klischees, ein richtiger Hammer mit derartiger Kraft und Fülle, dass ich blind nie im Leben auf einen Spätburgunder tippen würde. Die Säure ist niedrig, die Tannine haben das Format eines Modellathleten und die Frucht schrammt haarscharf an der Grenze zum Kompott vorbei. Dass der Silberberg dennoch Spaß macht, liegt ganz eindeutig daran, dass es Karl-Herrmann Milch sehr gut versteht, die im Weinberg entstandene Urgewalt mit Hilfe der Kellertechnik zu zügeln: Holz – selbst derart großzügig dosiertes – kann in meinen Augen tatsächlich segensreich sein, wenn man einen derartigen Kraftprotz in seinem Inneren reifen lässt. So ein Tropfen aus dem großen Fass – oder mit nur etwas gebrauchtem Barrique getüncht – wäre wahrscheinlich schlichtweg untrinkbar…

Was das Holz im Fall unseres Silberbergs aus einem Öchslemoster machen kann, dass sollte alle Barriqueskeptiker der neuen Schule zum Nachdenken anregen! Trotz seiner für mich grenzwertigen 14,5 Prozent Alkohol ist dieser Spätburgunderriese aus dem Hause Milch ein ausgewogener, ein schöner Wein, dem sicherlich nichts fehlt, der aber dennoch nicht „too much“ ist. Giganten können hölzern gewandet werden, vielleicht sollten sie es sogar. Wenn alle Winzer nur derart gutes und reifes Material in kleine Fässer stecken würden wie Herr Milch, dann hätte ich niemals ein Problem mit der Überholzung vieler Weine bekommen. Das Problem sind nämlich die dünnen Plörren, die ihrer getoasteten Behausung nichts entgegenzusetzten haben! Mainstream kann verdammt nochmal gut sein…

um 16€ ab Hof

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