Old School: Würzgarten-Wochenende mit Merkelbach

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Trinken wie zu Großvaters Zeiten – Fruchtsüße Klassiker von der Mosel

 

[dropcap2]I[/dropcap2]ch habe erst kürzlich in meinem letzten Winzerportrait zum Ausdruck gebracht, dass an der Mosel ein einigermaßen epochaler Umbruch stattfindet: Die Weine werden zunehmend trockener und mineralischer und im gleichen Atemzug legen immer mehr Etiketten ihre altbackene Schnörkeligkeit ab. Vieles wendet sich zum Besseren am Rieslingstrom der Rieslingströme, doch bei aller Begeisterung über diese Entwicklung sollte man nicht vergessen, das auch früher – also in den verrufenen und oft allzu plörrigen 70ern und 80ern – nicht alles schlecht, billig und Süßreserve-gedopt war. Es gibt hier und da noch immer Betriebe, die die letzten beiden wilden Jahrzehnte komplett ohne tiefgreifenden Strukturwandel, ohne trockene Schwerpunktsetzung und vor allem ohne modernistisches Neudesign überdauert haben. Und das ist verdammt gut so!

Das Weingut Merkelbach in Ürzig ist vielleicht eines der schillerndsten Beispiele für diese seltene Spezies an der Mosel, die keinem Trend nachläuft und bezüglich der Weinstilistik und der Flaschenausstattung noch immer daherkommt, wie zu Großvaters oder gar Kaisers Zeiten, als die Weine noch lieblich und die Flaschen unverholen deutsch sein durften. Der Genuss der Rieslinge vom Weingut Merkelbach – und ein solcher stellt sich nach der Überwindung der anfänglichen Schwellenangst durchaus ein – kommt einer Zeitreise gleich, auf der man sich in die wahrhaft goldenen Tage der Mosel, also in die Jahre vor der Liebfrauenmilch-Schwämme und dem unsäglichen Weingesetz, zurückversetzt fühlt…

Der alteingesessene Traditionsbetrieb, übrigens langjähriges Mitglied im Bernkasteler Rings, nennt noch nicht einmal 2 volle Hektar Weinberge sein Eigen, die es jedoch in sich haben: Fast alle der ausschließlich mit Riesling bestocken Parzellen des Hauses befinden sich in der absoluten Spitzenlage Ürziger Würzgarten, einer der besten und renommiertesten am gesamten Mittellauf des Flusses. Nicht wenige der zumeist an klassischer Einzelpfählen erzogenen Reben sind steinalt und wurzelecht, der Ausbau erfolgt auf  althergebrachte Art und Weise in großen Holzfudern.

Die Weinliste des Weinguts Merkelbach, das etwas zu meiner Verwunderung tatsächlich über einen Onlineshop verfügt, umfasst nicht einmal eine Handvoll trockener und nur ein paar mehr halbtrockene Weine. Der Schwerpunkt liegt ganz eindeutig auf rest- und edelsüßen Prädikatsweinen, die, sehr zur Freude eines jeden Weinfreundes, zu Preisen erhältlich sind, die ebenfalls an die gute alte Zeit gemahnen. Recht bekannt und teilweise auch medial hoch gelobt ist das Weingut Merkelbach vor allem für seine üppigen und eleganten Auslesen aus dem Würzgarten.

 

Retro? War schon immer so…

 

[dropcap2]D[/dropcap2]ie Rieslinge vom Weingut Merkelbach, die ich mit am vergangenen Wochenende ganz retroromantisch eingeflößt habe, stammen alle aus der erwähnten Toplage Ürziger Würzgarten. Wie in meinen Augen nicht eben selten, kommt die Lagentypizität beim vermeintlich geringsten, also dem Kabinett aus dem aktuellen Jahrgang 2012 vielleicht am besten zu Tragen:

Der Wein zeigt sich für die Prädikatsstufe einigermaßen füllig, ganz ungeniert süß und üppig und –  typisch für den von rotem Schiefer geprägten Würzgarten – sehr warm und kräuterwürzig. Nichts ist hier, bewusst oder unbewusst, auf Schlankheit und Mineralik getrimmt, im Mittelpunkt stehen die alten Riesling-Tugenden Frucht und Süffigkeit. Dass dennoch niemals auch nur der Anflug von lieblicher Pappigkeit aufkommt, ist der bei aller Rundheit dennoch ausreichend dagegen haltenden Säure geschuldet. Ein optimaler Süffelwein für Nicht-Zuckerphobiker und ein kongenialer Parten zur Asiaküche…

Eine ordentliche Schippe oben drauf legt die Spätlese „Urglück“ aus dem selben Jahr und derselben Lage. Das höhere Prädikat ist auf den ersten Riecher nachvollziehbar, denn dieser Wein bietet von allem einfach ein ganzes Stückchen mehr: Mehr Frucht, mehr Reife und mehr Körper und Kraft. Auch diese absolut klassische Mosel-Spätlese ist tendenziell eher auf der eingängigen und warmherzigen Seite angesiedelt und nichts für puristische Steineschlecker in trendigen Weinbars, jedoch stellt sich aufgrund der allgemein deutlich höheren Dichte ein zumindest im Ansatz salzig-mineralisches Mundgefühl ein, dass die fast komplett botrytisfreie Fruchtfülle bestens im Zaum hält.

Die 2012er Auslese aus dem Ürziger Würzgarten vom Weingut Merkelbach zeigt sich zwar aufgrund ihrer Jugend noch ein klein wenig vordergründig süß und einen Tick zu mollig, doch lässt sie schon jetzt erahnen, welch ungeteilte Freude man mit ihr ein ein paar Jahren haben dürfte. Im Gegensatz zur Spätlese waren bei ihr definitiv nicht wenige edelfaule Trauben im Spiel, die für wunderbar barocke Honigsüße und einen geradezu opulenten Schmelz sorgen. Trotz ihrer nicht zu leugnenden Rundungen ist und bleibt aber auch diese Auslese ein typisches Kind ihrer Heimat: Irgendwie schaffen es selbst die süßesten und ausladendsten Moselweine, sich genau die Portion Eleganz und Leichtigkeit zu bewahren, die sie von allen anderen Weinen auf der Welt unterscheidet… Die Auslese von Merkelbach mag ein edelsüßer Wein sein, wie er im Buche steht, doch handelt es sich selbst bei diesem himmlischen Extrakt keinesfalls um einen monothematischen Dessertwein!

Für fast unfassbare 5,50€, 6,50€ und 9€ ab Hof.

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