Originale für Erwachsene: Syrah von der nördlichen Rhone

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Syrah – Eine verkannte Perle der Weinwelt

 

[dropcap2]W[/dropcap2]er einen ähnlich germanozentrischen Ansatz beim Wein verfolgt wie meinereiner, der nimmt quasi zwangsläufig billigend in Kauf, dass sich sein Gesichtsfeld über die Maßen verengt. Überzeugte Deutschweintrinker neigen mittlerweile recht oft dazu, diejenigen Verhaltensweisen von unseren westlichen und südlichen Nachbarn zu übernehmen, die sie bislang immer als engstirnig und beschränkt bespöttelt haben. Bordeaux ist tendenziell zu teuer, ja bloßes Spekulationsobjekt vermeintlicher önologischer Barbaren aus Fernost und natürlich nur deshalb – Gott bewahre – hoch bepunktet vom großen Satan aus Übersee. Burgunder gilt allgemein als ebenso monetär entrückt und obendrein unzuverlässig, er taugt allenfalls als Vergleichsgegenstand zum Hochschreiben heimischer Gewächse.

Ich möchte nicht missverstanden werden: Selbstverständlich erkenne auch ich an – man kann dies auf Schumanns Weinblog in so gut wie allen meinen Artikeln nachlesen -, dass es voran geht beim deutschen Wein und dass er sich in vielen Bereichen schon mindestens auf Augenhöhe mit den besten Erzeugnissen aus Frankreich und Italien befindet. Deutsche Spätburgunder können mit nicht wenigen Ikonen von der Cote d’Or mithalten und die Weißen spielen – dem glorreichen Riesling sei Dank – in einer eigenen Liga. Doch eines ist ebenso klar wie schmerzhaft: Es wird noch einige Zeit ins Land zwischen dem Breisgau und dem Werderaner Wachtelberg gehen, bis man hierzulande auf allen Gebieten aufgeschlossen haben wird. Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass dies niemals vollends gelingen wird und ich kann nichts schlechtes daran finden. Es gibt einfach Herkünfte und Typen, die kann man nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen, geschweige denn ihnen das Wasser reichen kann. Dies gilt natürlich auch im Gegenzug: Niemand wird etwa die Fortschritte Australiens beim Riesling verleugnen, doch rechnet nicht einmal der optimistischste Winemaker aus Down Under damit, jemals den Schliff und die Grazie der besten Mosel-Kreszenzen zu erreichen…

Es mag am unerbittlich aufkommenden Herbst liegen, aber dieser Tage liest man viele und nicht selten auch überaus kundige Auslassungen über den Syrah aus deutschen Landen. Nachdem die deutsche Winzerschaft auf ihrem scheinbar unaufhaltsamen Weg zu den Sternen in den genannten Bereichen bereits viel bewerkstelligt hat, wendet man sich insbesondere in den südlichen Anbaugebieten nun geradezu zwangsläufig der kapriziösen Schönheit von der Rhone zu und die Ergebnisse können sich tatsächlich zunehmend sehen lassen. Allerdings beschleicht mich – von einigen löblichen und immer kostspieligen Ausnahmen einmal abgesehen – das Gefühl, als wolle man schon fast zu viel. Nicht wenige objektiv gute bis sehr gute Syrahs aus Deutschland scheinen gleich ein paar Klimazonen mehr überspringen zu wollen, als ihnen gut tut und erinnern mehr an die aufgeplusterten Karikaturen aus Spanien oder der südlichen Hemisphäre, denn an die graziösen französischen Originale, denen ich mich heute widmen will…

Ich finde das nicht nur jammerschade, nein ich halte es in gewisser Weise fast schon für eine Irreführung des Konsumenten mit Folgen: Wenn der gemeine deutsche Weinmichel nach einem Syrah verlangt, dann hat er nämlich nicht selten einen moppeligen Shiraz im Sinn und weiß gar nicht, was er verpasst. Großartiger Syrah aus der Heimat der Traube an der nördlichen Rhone zählt nämlich nicht nur für mich zu den elegantesten, ausdrucksstärksten, mineralischsten und vor allem auch ausgewogensten Rotweinen, die man auf diesem Planeten finden kann. Er ist eigentlich nie fett oder überdreht, strahlt im besten Fall würdevolle Kühle und Straffheit aus und ist vor allem nicht im Ansatz so alkoholisch und plump wie die meisten seiner Grenache-lastigen Nachbarn vom Unterlauf des Stromes.

 

Crozes-Hermitage – Alles kann, nichts muss

 

Einen adäquaten Einstieg in die Thematik Syrah von der Nordrhone stellen die mittlerweile immer zahlreicheren gut geratenen Weine der Appellation Crozes-Hermitage dar. Unter diesem Namen firmieren Tropfen aus einer Vielzahl von Weinbergen, die zu Füßen bzw. rund um den legendären Hermitage-Berg liegen. Die Qualität ist überaus inhomogen, viele Weine geraten eher dürftig, mager und hart. Diesen insgesamt betrachtet verbesserungswürdigen Zustand verschulden jedoch beileibe nicht die Winzer alleine, die Böden weisen nämlich ebenfalls kein einheitliches Profil auf, so dass man – wie so oft in französischen Traditionsgebieten – auf Gedeih und Verderb auf Ratschläge von bewanderten Trinkern angewiesen ist, wenn man sich orientieren will.

Trotz all dieser objektiven Hemmnisse lohnen sich dennoch alle Mühen, wenn man wie ich schließlich fündig wird und zwei derart gelungene Vertreter verkosten darf, wie ich sie heute vorstellen möchte. Beide Tropfen – so unterschiedlich sie stilistisch auch ausfallen mögen – schaffen es nämlich in meinen Augen sehr gut, einen Eindruck von der typischen Interpretation der Syrah an der nördlichen Rhone zu vermitteln. Sie bewerkstelligen dies vielleicht sogar noch weit besser als die hochbeparkerten und damit irgendwie angepassten Monumente vom Hermitage selbst, dem hochheiligen…

 

Eine Heimat, zwei Welten

 

Der 2010er Crozes-Hermitage „Les Trois Chenes“ von Emmanuel Darnaud steht für einen sehr gelungenen, vergleichsweise konventionellen, modernen und dennoch reichlich ambitionierten Ansatz. Man versucht hier mit einigem Erfolg, aus den nicht immer sonderlich gesegneten Lagen das Optimum herauszuholen und schafft es, einen überaus extrahierten, für die Region tendenziell fülligen Syrah auf die Flasche zu bringen, der bereits jetzt gut trinkbar ist, niemanden überfordern dürfte und der dennoch nicht seine Heimat verleugnet. In der Nase jede Menge reife dunkle Frucht, Rauch, Holz, etwas Leder, Gewürze und Speck sowie ganz verhalten süße Vanille von den zu 20 Prozent neuen Barriques. Im Mund dann viel Saft, Schokolade und feine aber präsente Gerbstoffe, aber eben auch die typische Kühle, ansatzweise Mineralik und ausreichend trinkfreudige Säure, die den echten Syrah im Gegensatz zum globalen Shiraz ausmacht.

Nicht gänzlich anders, aber dennoch Lichtjahre entfernt, gibt sich der 2010er Crozes-Hermitage von der Domaine Combier. Hier geht man einen weitaus traditionelleren, puristisch schlanken Weg und schafft es so, zumindest mich vom ersten Riechen an zu verzaubern. Man sollte diesen mit 12,5% Alkohol beachtlich feingliedrigen Wein in jedem Fall mehrere Stunden vor dem Genuss dekantieren, denn in seiner Gestalt zeigt die Syrah ihr zweites, ihr wahres Gesicht: Die schmale, fast knabenhafte Silhouette dieser Kindfrau will geduldig umgarnt, ja hofiert werden. In der Nase passiert erst einmal wenig bis gar nichts. Lässt man dem Wein jedoch Zeit in Karaffe und Glas, dann beweist er ganz eindrucksvoll, wie wunderbar Weglassungen sein können und wie herrlich anziehend die Beschränkung auf das Notwendigste sein kann: Etwas Kirsche und Pflaume, vielleicht Thymian, wieder Rauch und nasser, kühler Stein. Das war’s…

Im Mund dann ein drahtiger, fest strukturierter Roter, der es irgendwie schafft, aristokratische Kühle und Ernsthaftigkeit zu transportieren, ohne jemals gebieterisch streng zu werden. Salzige Mineralität und geschliffene Säure dominieren diesen schlanken Tropfen, doch trotzdem ist er weit mehr als ein Priorat auf Dauerdiät. Seine enorme Feinheit und Eleganz in der Frucht sollten selbst dem letzten Zweifler beweisen, dass die Syrah tatsächlich eine Geistesverwandte des burgundischen Pinot Noir ist. Chateauneuf-du-Pape scheint tatsächlich Lichtjahre entfernt…

Beide Weine um 19€ hier.

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  1. […] Herzensdame auf ein Minimum beschränken lässt. Nach den beiden famosen und obendrein bezahlbaren Crozes-Hermitages vor einiger Zeit hatte ich nicht mehr viele meiner momentanen roten Traumweine im Glas, denn unsere […]

  2. […] dem Globus imitiert werden können. Erst vor kurzem habe ich in diesem Zusammenhang zwei bezahlbare Rhone-Originale präsentiert, die aus meiner spät entdeckten Liebe – der formidablen Syrah – bereitet […]

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