Patrick Piuze 2009 Chablis Terroirs de Courgis Burgund

Nachdem ich in den letzen Wochen hier und hier die ersten beiden mehr oder weniger klassischen Herkunftsgebiete des Chardonnay mit einigem Erfolg abgehandelt habe, möchte ich mich heute mit der dritten althergebrachten Quelle für Weine aus dieser edlen Sorte befassen: In und um das Städtchen Chablis gedeihen Weißweine, die eine ähnliche Größe und Schönheit erreichen können wie ihre Verwandten im südlicheren Kern – Burgund. Allerdings tun sie dies auf eine ganz andere, nördlichere Art und Weise.

In der traditionellen Wahrnehmung der Weinwelt stellt Chablis den äußersten Außenposten dar, bis zu dem die Chardonnaytraube noch einigermaßen zuverlässig ausreift. Alles weiter nördlich ist auch tatsächlich recht gefährlich, da die Rebe dazu neigt, eher früh auszutreiben und zu blühen. Späte Frostnächte machen ihren Anbau daher in solchen Breiten in der Tat zu einem recht heiklen Unterfangen. Natürlich ist das wie gesagt nur die konservative Sichtweise – Gegenbeispiele für noch nördlichere und trotzdem gelungene Chardonnays werden sicher folgen…

Dieser Umstand ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass wir es in Chablis mit einem gänzlich anderen Stil zu tun haben, als etwa im Maconnais oder gar in Kalifornien. Die Weine sind tendenziell weniger füllig und cremig, sie punkten vielmehr in den Bereichen Mineralität und Biss. Man beobachtet bei ihnen eine etwas höhere Säure und oftmals – besonders bei „kleineren“ oder jüngeren Weinen – eine durchaus  anregende Spritzigkeit bei angemessener Kraft.

Diese Tugenden machten den Chablis lange vor dem Beginn meiner Trinkerkarriere, etwa ab den beginnenden 80er Jahren, zum unangefochtenen Star am europäischen und nordamerikanischen Weinhimmel. Die Chardonnay – Welle war nicht zuletzt auch eine Chablis – Welle. Bevor man sich in den feinen Restaurants und an den Tafeln gehobener Bildungsbürgerlichkeit dicken Roten zuwandte, war der Chablis obligatorisch zu erlesenem Meeresgetier und hellen Fleischgerichten. Tatsächlich überzeugt der kühle Weiße aus dem Norden des Burgund auf diesem Gebiet noch immer, die Überbleibsel seiner einstmaligen Bedeutung kann man auch heutzutage in jedem Supermarkt begutachten:

Im deutschen Lebensmitteleinzelhandel wie im Discounter sind Chablis – Weine zumeist die einzigen erhältlichen weißen Burgunder. Freilich gibt es stets auch dünne unverholzte Chardonnays und den ein oder anderen dicken Klopper – aber sie alle stammen aus Übersee. Frankreich ist beinahe immer nur mit Chablis vertreten und dieser Umstand ist selten schmeichelhaft: Was im Land des Schweinebratens und des „Abendbrots“ nämlich als Chablis angeboten wird, spottet nur zu oft jeder Beschreibung und dient nicht eben der Förderung des Rufes der Region als Anbaugebiet von Spitzenweinen. Doch offenbar genügen diese Belanglosigkeiten den Anforderungen des Durchschnittskonsumenten und der Stern des Chablis befindet sich vermeintlich weiterhin im steilen Sinkflug…

Wer verstehen will, warum dieser Wein einstmals so begehrt war und Spitzenexemplare noch immer zu den großen Weißweinen der Welt gezählt werden, der sollte die (oft zu Recht) abgerufenen, vergleichsweise hohen Preise nicht scheuen und sich den erfreulich zahlreichen seriösen Betrieben zuwenden, die Weine auf die Flasche bringen, die die alten Lorbeeren mehr als rechtfertigen.

Unser heutiger Tropfen stammt gewiss nicht aus einem der größten und renommiertesten Häuser und allzu teuer ist er auch nicht – das macht ihn jedoch nicht minder interessant. Im Gegenteil: Er lässt hoffen, dass meine Schwarzmalerei vielleicht schon bald gänzlich überflüssig  sein wird,  denn es tut sich etwas im Mittelsegment in Chablis…

Der „Terroirs de Courgis“ stammt von den bekannten hellen Kalk- und Kieselböden der Region und dieser Umstand macht ihn zu einem typischen Vertreter seiner Art. Das Kennenlernen fällt ausgesprochen unterkühlt aus, in der Nase finden sich – wie so oft beim Chardonnay – eher wenige, flüchtige Aromen. Man mag eine Blumenwiese erahnen, Fruchtigkeit ist nahezu abwesend. Auf den ersten Schluck setzt sich diese Kargheit zunächst fort, ein Schmeichler ist dieser Wein beileibe nicht…

Allerdings ist der Gesamteindruck vom ersten Augenblick an trotzdem stimmig, vermittelt unser Chablis gerade aufgrund der Abwesenheit von offensichtlicher Schönheit einen ganz eigenen, spröden Charme. Die Säure bleibt jahrgangsbedingt etwas hinter meinen Erwartungen zurück, klassischer Chablis hat da oft mehr Biss. Trotzdem gefällt der kühle Franzose, denn auf dem Gebiet der Mineralität liegt seine wahre Stärke: Ob man wirklich die terroirbedingten Austernschalen- und Jodnoten schmecken kann, möchte ich jedem selbst überlassen. Ich bin kein Freund von solchen Klein – Klein – Verkostungen. Was ich allerdings mit Gewissheit attestieren kann, ist der Umstand, dass man sich tatsächlich irgendwie ans Meer versetzt fühlt, wenn man von diesem Wein trinkt. Man sitzt unweigerlich vor seinem inneren Auge an der Nordsee, verlangt nach Schalen- und Krustentieren und beginnt nachzuvollziehen, warum solche Tropfen immer in einem Atemzug mit derartigen Speisen genannt werden. Riesling mag mit Forellen können und Silvaner mit Karpfen, zu Austern will ich nichts anderes…

Noch ein Wort zum Holzeinsatz: Bei „einfachem“ Chablis ist ein Ausbau im Barrique keinesfalls obligatorisch. Viele dieser Tropfen reifen im großen Fass oder gar im Edelstahl und es verwundert mich fast ein wenig zu lesen, dass unser „Terroirs de Courgis“ im 228 Liter – Gebinde gewesen sein soll. Diese Eiche muss wohl schon so einiges an Wein in ihrem Inneren zu Gast gehabt haben, denn wahrnehmbar ist sie für mich nicht wirklich. Allenfalls der nach einiger Zeit auf die Bühne tretende, ganz dezente und doch charmante Schmelz lässt einen Hauch gebrauchten kleinen Fasses erahnen – und damit die viel zitierte „Burgundizität“. Unser Chablis gibt sich zuletzt doch als ein Kind seiner Heimat zu erkennen, allerdings als ein eher stilles und in sich gekehrtes

Wer noch keine Erfahrung mit hochwertigem Chablis hatte (das dürfte für die meisten unter 50 gelten), der sollte hier augenblicklich zuschlagen, denn dieser schöne Blonde aus dem Norden beweist einmal mehr, dass Chardonnay seine Herkunft mindestens ebenso gut abbilden kann wie sein großer internationaler Konkurrent im Gefecht der besten weißen Sorten. Ich für meinen Teil beginne mich von Chardonnay zu Chardonnay zu einem echten Fan zu entwickeln. Außerdem: Spätestens an Weihnachten brauchen Jakobsmuscheln und Co. eine standesgemäße Flüssigkeit zum Baden…

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  1. […] Vorliebe für die kalkig straffen, nie opulenten und nicht selten regelrecht strengen Weine aus Chablis herauskristallisiert hat, selbst wenn diese in den Augen der trinkenden Massen inzwischen unfassbar […]

  2. […] Außerdem stehen da mit Glück Chablis mit Plastikkorken, die es nicht verdient haben, diesen traditionsreichen Namen zu tragen. In wirklichen Ausnahmefällen findet man obendrein die erschreckend lieblosen […]

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