Erich&Walter Polz 2011 Morillon Steirische Klassik Steiermark

08 Nov
8. November 2012
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von Christian Schumann

Nicht alle Weine müssen große Weine sein. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass ihre Mehrzahl es gar nicht sein darf! Wein ist zwar Kulturgut, doch wie bei den bildenden Künsten darf das Ganze nicht abgehoben oder gar elitär werden. Es muss neben der großen Oper auch immer ein Varietétheater geben. Ist dem nicht so, dann wenden sich viele Leute ab, weil sie weder das Geld, noch die Zeit und vor allem nicht das Interesse haben, vor dem vermeintlichen Hochgenuss erst einmal ein Reclam – Heft zu lesen, um der Aufführung überhaupt folgen zu können…

Beim Wein ist die Sache mit der Größe noch aus einem anderen Grund mehr als schwierig: Kein Mensch weiß tatsächlich, was „groß“ überhaupt bedeutet. Die einen vertreten die Meinung, dass solche Tropfen extrem unangepasst und individuell sein müssen. Die Folgen eines solchen Ansatzes sind vorhersehbar: Die meisten Leute werden das Produkt nicht mögen. Das ist natürlich ihr gutes Recht, ich kann jedoch nicht von ihnen verlangen, dass sie sich in einem solchen Fall schlecht fühlen müssen, dass sie sich für Banausen halten sollen, weil sie der ganzen Erhabenheit intellektuell nicht gewachsen waren. Die andere (und leider auch weit verbreitete) Herangehensweise ist eine klare Definition anhand von eindeutigen Kriterien. Großer Wein wird hier immer viel Frucht, viel Holz und jede Menge Gerbstoffe haben. Weltweit begegnen wir solchen monolithischen Denkmälern – nur leider schmecken sie auch überall gleich groß. Wer gemäß dieser Logik noch größeren Wein erzeugen will, der nimmt von allem einfach noch ein bisschen mehr und fertig ist der Kultwein.

Ich finde es bedeutend sinnvoller (und es ist auch einfacher), dem Konsumenten eine Orientierung im unteren Bereich des Spektrums zu ermöglichen. Wer etwas über Wein lernen will, der sollte zumindest dort wissen, woran er ist! Jedoch ist dies auch hier schwer machbar, da selbst solche Tropfen auch innerhalb eines Gebietes extrem uneinheitlich schmecken. So gibt es beispielsweise beim deutschen Gutsriesling klare, frische und ehrliche Typen mit wenig Alkohol und animierender Säure ebenso wie verkappte Spätlesen, die ohne fetten Braten einfach nur anstrengen. Ich möchte nicht missverstanden werden: Ich rede hier nicht einer Vereinheitlichung an sich das Wort. Aber ich fände es ausgesprochen verbraucherfreundlich, wenn es in den jeweiligen Weinbauregionen leichte und verständliche Weine gäbe, die auf den ersten Schluck so etwas wie ein oberflächliches Gesamtbild ihrer Herkunft vermitteln. In den deutschen Weinlanden tut man sich schwer damit, doch andernsorts finde ich genau, wonach ich suche:

In der Steiermark gibt es nämlich tatsächlich seit geraumer Zeit eine Reihe von ambitionierten Winzern (bei anderen hat das ja auch keinen Sinn), die unter dem Label Steirische Klassik Weine abfüllen, die möglichst unverfälschten Rebsorten- und vor allem Regionalcharakter für recht kleines Geld bieten. Das sind keine schlichten Alltagsgewächse, sondern zumeist ernsthafte Vertreter der unteren Mittelklasse, die ausschließlich aus gebietstypischen Rebsorten gewonnen werden. Auch alle weiteren Vorgaben sind erfreulich klar gefasst: Die Weine müssen trocken und mehrheitlich im Edelstahl ausgebaut worden sein, einen strengen Maximalalkoholgehalt nicht überschreiten und werden zur Wahrung einer gewissen Seriosität nicht zu früh in den Verkauf gebracht. Weine der Steirischen Klassik sind natürlich trotzdem eher zum schnellen Verzehr und für den Alltag gedacht, jedoch kann man mit ihnen auch ein oder zwei Jahre lang seine unverfälschte Freude haben.

Unser heutiger Morillon (steirisch für Chardonnay) wird allen diesen Ansprüchen mehr als gerecht. Er stammt vom großen und bedeutenden Qualitätspionier Polz, einem wahren Flaggschiff der Gegend. In der Nase hat man sortentypisch nur eine ganz verhaltene, leise Zitrus – Fruchtigkeit und einen sanften Hauch Exotik. Am Gaumen ist der Wein herrlich frisch, irgendwie bissig und ganz am Ende meint man so etwas wie eine leicht salzige Mineralik zu vernehmen. Sicher bin ich mir dessen allerdings nicht, da aufgrund des reduktiven Edelstahlausbaus noch einige Hefe in ihm herumschwirrt. Diese verwechselt man nur zu leicht mit mineralischen Noten. Trotz aller Zurückhaltung macht unser Morillon stets unmissverständlich klar, dass er ganz Chardonnay ist: Seine gerade eben reife Frucht bleibt höflich im Hintergrund und macht bereitwillig einem dezenten aber charmanten Schmelz Platz. Mehr Aroma ist nicht. So schmeckt er eben…

Ich bin mir dessen bewusst, dass ich bislang nur sortentypische Charakteristika beschrieben habe. Jedoch ist der Wein auch  repräsentativ für seine Heimat, da er (die hatte ich nämlich bisher weggelassen) eine herrlich mundwässernde, messerschafte, aber nicht unreif – aggressive Säure mitbringt, die ich bis dato in allen guten Weinen aus der Steiermark vorfand. Ich komme also nicht umhin zu sagen, dass in diesem Fall das Vorhaben Klassikwein als geglückt angesehen werden muss: So schmeckt die Steiermark! Freilich ist das in gewisser Weise Edel – Fastfood, aber die Betonung liegt ganz eindeutig auf dem „Edel“…

So verbleibe ich mit dem Wunsch, es möge künftig frische, ehrliche, erdige und vor allem furztrockene Silvaner Fränkische Klassik geben, oder vollfruchtige, exotische und dennoch straffe Scheureben Rheinhessische Klassik. Die Weinwelt ist so herrlich vielfältig und ich möchte dies gewiss nicht ändern! Aber ein wenig Orientierungshilfe im Interesse von Wein-Anfängern kann gewiss nicht schaden…

um 13€ bei Karstadt in Nürnberg

SCHUMANNS-WEINBLOG.DE

 

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