Reife Rieslingschätze aus der Pfalz

Schumanns_Weinblog_Acham-Magin_Riesling Ungeheuer

von Christian Schumann

[dropcap2]A[/dropcap2]uch auf die Gefahr hin, dass ich die Leser von Schumanns Weinblog irgendwann mit meinen Predigten langweile, möchte ich mich heute einmal wieder mit dem Alterungspotenzial von deutschem Riesling befassen. Ich habe spontan meinen eigentlich für heute geplanten Artikel über einen dicken roten Italiener bis auf weiteres verschoben, denn was mir an Ostern an der elterlichen Tafel widerfuhr, das war ein richtiger Augenöffner! Jeder einigermaßen vinophile Zeitgenosse weiß mittlerweile, dass auch Weißweine in Würde altern können – allen voran der König Riesling – doch herrscht noch immer vielerorts die irrige Annahme vor, dass dies vor allem für rest- und edelsüße Exemplare gelte. Beim trockenen Riesling legt man allenfalls Große Gewächse für ein paar Jahre in den kühlen Keller – allerdings eher nicht, weil man dem Wein Gutes tun will, sondern vielmehr, weil der Deutsche für das Öffnen einer teuren Pulle immer einen besonderen Anlass braucht, auf den er zur Not auch ein halbes Leben lang wartet. Ansonsten sind wir – ich habe das vielstimmige Wehklagen der Winzer noch in den Ohren – ein unverbesserliches Volk der Jungweinschänder…

Leider beteiligen wir von Schumanns Weinblog uns beinahe täglich an diesem Verbrechen am guten Geschmack, denn wir haben oftmals leider keine andere Wahl: Um unseren Lesern verfügbare Weine zu empfehlen, müssen wir permanent junge – ja viel zu junge – Weine verkosten. So bleiben wir zwar immer am Ball, verzichten jedoch freiwillig auf beispiellose Genüsse. Schlimmer noch: Wir trinken als Weinverrückte und Weischreiber eigentlich niemals Weine, die sich in dem Zustand befinden, in dem ihre Schöpfer sie als trinkreif erachten. Wir wissen oftmals gar nicht, was der Winzer uns eigentlich sagen will, wir verstehen das Wesen und das Potenzial der Weine nicht im Ansatz, wenn wir sie vor der Zeit töten. Das ist unsagbar schade und – das ist die gute Nachricht – vermeidbar, denn man kann ab und an tatsächlich Tropfen aufspüren und erwerben, die sich in ihren besten Jahren befinden. So braucht man seine großen Rieslinge nicht jung zu kaufen und einzulagern, um sie dann schließlich doch viel zu früh zu trinken… Ich weiß wovon ich rede, ich bin auf diesem Gebiet die Disziplinlosigkeit in Person… Doch es gibt wie gesagt  Hoffnung: Ich habe einen Händler aufgespürt, der noch eine kleine Menge der heute zu behandelnden, gereiften Rieslinge auf Lager hat.

Zunächst zum weniger alten und auch weniger spektakulären der beiden Weine: Der 2009er Riesling Kabinett trocken aus der „Privat-Collection“ des Weinguts Acham-Magin ist dennoch kein ganz gewöhnlicher Tropfen, den man nur so am Rande erwähnt. Er zeigt beispielhaft, dass auch recht einfach strukturierte trockene Rieslingweine von ein paar Jahren Kellerhaft profitieren können. In Nase und Mund gibt er sich im Wesentlichen wie ein Junger, er ist knackig, immer noch spritzig und strotzt nur so vor Energie. Hierbei muss lobend erwähnt werden, dass dieser Kabinett auch wirklich gänzlich trocken ausgebaut wurde – dienliche Restsüße hatte man beim VDP-Betrieb aus Forst in einem so herausragenden Weinjahr wie 2009 nicht nötig. Die beginnende Reife macht sich erst auf den zweiten Schluck bemerkbar, denn die sicherlich in der frühen Jugend im Überfluss vorhandene Primärfrucht hat sich mittlerweile deutlich abgeschwächt und ist einer, für einen Wein dieser Kategorie erstaunlich tiefgründigen, mineralischen Würze gewichen. Zum Glück ist dieser Riesling nicht wie andere seiner Art im Laufe der Zeit zu einem ausschließlich harmonischen, vielleicht etwas gesichtslosen, gereiften Getränk ohne Ecken und Kanten geworden, er ist vielmehr ein richtig markanter Typ mit Dreitagesbart in seinen besten Jahren…

Bei der trockenen Spätlese von 2005 aus der Paradelage Forster Ungeheuer wird dieser positive Reifeverlauf dann auf die Spitze getrieben: Die Farbe tendiert bereits ins tiefe Goldgelb, in der Nase ist von der üblichen, nicht eben leisen Aromatik eines jungen Riesling nichts mehr zu spüren. Es dominieren eindeutig herbe Eindrücke, ich fühlte mich an ein paar vereinzelte kandierte Früchte inmitten eines riesigen Kräutergartens erinnert. Im Mund dann deutlich weniger Säure als beim jüngeren Bruder, trotzdem kommt niemals Langeweile auf: Dieser Riesling ist ausladender Pfälzer Barock mit Kraft und Fülle, allerdings ohne kitschige Putten und schreiend bunte Gemälde, üppig und rund, ein Hauch Petroleum und Waldhonig, dabei ebenfalls gänzlich trocken und definitiv männlich herb.

Auch wenn es in der Einleitung so geklungen haben mag, möchte hier auf Schumanns Weinblog gewiss nicht dazu aufrufen, fortan jeden feinen Riesling bester Provenienz für Jahre liegen zu lassen. Dafür schmecken die Weine aus dieser Sorte im pubertären Stadium einfach zu gut. Es gibt wohl keine zweite Rebe auf der Welt, die es fertig bringt, in allen Phasen ihres irdischen Daseins derartige Freuden zu bereiten. Trotzdem fällt mir als geradezu zwangsläufigem Jungweintrinker immer wieder auf, dass das Verfolgen der Entwicklung eines Weines ein überaus faszinierendes Unterfangen sein kann – wenn man sich das leisten und einen ausreichend großen und wohl temperierten Keller sein Eigen nennen kann. Die beste Methode bei Rieslingen mit Potenzial wäre sicher, eine Kiste zu kaufen und nach der Stillung der Neugierde mittels einer jung geopferten Flasche, in der Folge jedes Jahr eine weitere ohne einen besonderen Anlass zu köpfen, denn so ein Wein an sich ist schon Anlass genug…

Um 7 bzw. 11€ bei Weinvertrieb Franz in Sulzbach-Rosenberg. Viele Flaschen gibt es nicht mehr!

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