Ruppert-Deginther Dornfelder Liebfrauenberg 2010 Rheinhessen

Ruppert-Deginther_Dornfelder_2010

 

Dornfelder – alles kann, nichts muss

 

[dropcap2]M[/dropcap2]it dem Wetter hat sich sozusagen über Nacht auch mein Gemüt beruhig und ich will heute dem geneigten Leser einen weiteren hervorragenden Rotwein aus dem Hause Ruppert-Deginther vorstellen, den auch ich zur Erreichung wollüstiger Zustände nicht unter die von mir favorisierte Marke von 16 Grad kühlen muss. Das mag auf den ersten Blick verwunderlich erscheinen, denn dieser Kraftprotz aus dem kleinen Holz ist aus einer Rebsorte bereitet, deren Ankömmlinge man gewöhnlich zur Vermeidung gruseliger Kitschattacken gar nicht kalt genug trinken kann. Der Dornfelder hat beim kultivieren Weinfreund und bekennenden Nichtrauschtrinker einen denkbar miesen Ruf – eine Tatsache die nicht selten wohl begründet ist und an der auch der noch immer anhaltende, wundersame kommerzielle Erfolg der Traube rein gar nichts ändern kann. Da ich stets versuche, nicht allzu voreingenommen durch die deutschen Weinlande zu kurven, habe ich dennoch ab und an einmal einen Dornfelder im Glas und – man höre und staune – nicht nur schlechtes über die Sorte zu berichten.

Wie ich erst vor ein paar Tagen hier auf Schumanns Weinblog berichtet habe, hat Kellermeister Justus Ruppert vom Weingut Ruppert-Deginther im allgegenwärtigen Dittelsheim-Heßloch ganz offensichtlich nicht zuletzt ein Händchen für ansonsten eher belächelte Varietäten. Ich habe neben dem kürzlich veröffentlichten Artikel schon einmal vor gut einem Jahr – und hier schließt sich der Kreis – über seinen einfachen Dornfelder nur bestes zu berichten gehabt. Mir gefiel die unkomplizierte Ehrlichkeit dieses aufrechten Zechkumpanen, allerdings war ich damals noch der felsenfesten Überzeugung, dass nicht allzu viel mehr als das geht beim vermeintlichen hässlichen Entlein des deutschen Rotweines. Ich habe mich – und das ist nicht zuletzt dem Weingut Ruppert-Deginther zu verdanken – jedoch gehörig getäuscht!

Zwar ist auch künftig eher nicht davon auszugehen, dass der Dornfelder zu einem leuchtenden Stern am Rotweinhimmel wird, doch besteht Anlass zur Hoffnung, dass es fortan mehr derart seriöse und gehaltvolle Exemplare geben könnte, wie der Dorfelder aus dem Hesslocher Liebfrauenberg von Ruppert-Deginther eines ist. Denn eines ist ganz klar: Es gibt noch immer zahllose Weinfreunde, die dem deutschen Roten die kalte Schulter zeigen, da sie sich einfach nicht mit der Filigranität und vor allem der vergleichsweisen Farbschwäche der Burgundersorten anfreunden wollen. Der wahre Kenner in seinem Elfenbeinturm der Eingeweihtheit wird es kaum glauben und schon gar nicht nachvollziehen können, aber dunkles Rot wird von Millionen Trinkern auf der Welt noch immer als Qualitätsmerkmal angesehen. Hier hat in meinen Augen der Dornfelder eine wirklich gute Chance, denn wenn er eines nicht ist, dann germanisch farbschwach…

 

Dornfelder von Ruppert-Deginther – fraglos gut und vielleicht bald groß

 

Der barriqueausgebaute Dornfelder aus dem Hesslocher Liebfrauenberg vom Weingut Ruppert-Deginther hat auf dem Papier neben seiner genetischen Prädisposition noch eine andere Bürde zu schultern: Er stammt aus dem, nicht zuletzt vom meinereiner oft gescholtenen Jahrgang 2010. Mittlerweile bin ich bezüglich dieser kleinen und schwierigen Erntesaison jedoch weit milder gestimmt, als noch vor Jahresfrist, denn die besten 2010er erwiesen sich zunehmend auch im roten Bereich als klassisch anmutende Langstreckenläufer, die jetzt erst so richtig in Schwung kommen. Unser Dornfelder von Ruppert-Deginther hätte von mir allerdings zu dieser Zeit gar noch nicht derartig vorverurteilt werden können, da er damals noch im Fass seiner Vollendung harrte. Mein heutiger Kandidat ist momentan – das ist in diesem Zusammenhang wichtig – noch recht jugendlich ungestüm und ganz leicht rau im Tannin, denn dieser Dornfelder kann (und muss) tatsächlich etwas reifen.

In der Nase geizt der Liebfrauenberg nicht mit süßer, sehr reifer, aber nicht im geringsten Dornfelder – typisch kitschiger dunkler Frucht. Dazu kommt eine durchaus präsente Rauchigkeit und Würze vom wohl nicht eben wenig getoasteten Eichenholz, die jedoch schon jetzt recht gut eingebunden erscheint. Insgesamt haben wir es hier mit einem sehr erwachsenen und grundseriösen Bouquet zu tun. Das ist definitiv der anspruchsvollste Dornfelder seit langem! Im Mund dann, neben den wie gesagt noch etwas ungezügelten Gerbstoffen, opulente Frucht, schöne rauchige Würze, süße Vanille  und mehr als ausreichende Kraft und Fülle. Dieser Dornfelder von Ruppert-Deginther ist tatsächlich eine großartige heimische Alternative für alle Italotrinker und Überseefreunde. Dennoch  – und das ist mir immer besonders wichtig – hat er sich noch ein klein wenig von der teutonisch – süffigen Restspritzigkeit und Kühle bewahrt, die ihn trotz seiner recht hühnenhaften Statur außerordentlich genussvoll trinkbar macht. In zwei bis drei Jahren wird dieser Tropfen ganz sicher einer der besten Dornfelder überhaupt sein. Man sollte es also ruhig auch einmal bei einer vermeintlich minderwertigen Sorte ruhig angehen lassen, denn von Meisterhand bereitet können auch aus einem derartigen Massenträger lagerfähige Preziosen entstehen.

Ab Hof für etwa 15 €

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2 Kommentare

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  1. […] Sorten zumindest einmal zu probieren, denn man kann auf diesem weiten Feld durchaus überraschend erfreuliche Schätze heben. Ich hatte – das muss ich gestehen – bis vor gut einer Woche noch nie etwas vom […]

  2. […] und bei den Rotweinen schafft es zunehmend sogar der vermeintlich übelste aller Massenträger, der Dornfelder, verwöhnten Gaumen zu schmeicheln. Besonders auffällig ist jedoch das immer häufigere und von […]

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