Schloss Proschwitz Weinhaus zu Weimar 2011 Auxerrois trocken Thüringen

von Christian Schumann

[dropcap2]D[/dropcap2]as ist wieder mal eine echte Premiere auf Schumanns Weinblog. Zwar gibt es schon seit Längerem auch im Westen der Republik Weine aus Thüringen, allerdings sind diese recht schwer aufzutreiben und fallen weder durch besonders hervorstechende Originalität, noch durch überragende Qualität auf… Der einzige mir bekannte Erzeuger von so etwas wie Rang, war bisher das Staatsweingut Bad Sulza. Dies hat sich jetzt jedoch entscheidend geändert…

Wer an ostdeutschen Wein denkt, der kommt an Schloss Proschwitz, dem sächsischen Primus sowohl hinsichtlich der Qualität, als auch der Quantität, nicht vorbei. Der ambitionierte Prinz zu Lippe schafft es spätestens seit Anfang des dritten Millenniums, aus den besten Lagen rund um Meißen zuverlässige und in einigen Fällen sogar große Weine zu bereiten. Zwar habe ich noch unlängst die Existenz einer wirklich eigenen Identität und Seele des sächsischen Weines in Abrede gestellt, aber man lernt nie aus… Ich hatte in den letzen Wochen zwei Weine aus dem fürstlichen Haus und war recht angetan. Es geht voran im Osten, neben nicht zu leugnender Klasse ist Eigenständigkeit in Sicht. Doch das ist ein anderes Thema…

Warum beginne ich mit einem Artikel über thüringer Wein in Sachsen? Ganz einfach: Weil der unternehmungslustige Prinz ins Nachbarbundesland expandiert hat und dort neue und trotzdem traditionsreiche Wege beschreitet. Allerdings haben sich die Herren von Schloss Proschwitz (Kellermeister Martin Schwarz darf nicht vergessen werden) als Betätigungsfeld nicht den Kernbereich der Region Saale – Unstrut ausgesucht. Dieser liegt im Wesentlichen im Bundesland Sachsen-Anhalt um das schöne historische Städtchen Naumburg. Hier nimmt der Weinbau von Jahr zu Jahr an Fahrt auf, es gibt deutlich mehr neue, kleine Erzeuger mit beachtlichen Qualitäten als in Sachsen, dass viel stärker von den Großen dominiert wird. Alles in Allem eine interessante Weinlandschaft, die ich mir noch gesondert vornehmen werde…

Der Prinz hatte jedoch ein anderes Ziel bei seinem Grenzübertritt – er wollte gänzlich neues Terrain bestellen: So kam es, dass vor einer Handvoll Jahren unmittelbar bei Weimar, der Perle der Klassik, neue Reben auf traditionsreichem Grund gepflanzt wurden. Dort gab es vor Urzeiten (sprich vor der Reblauskatastrophe) schon Weinbau – allerdings weiß ich nicht, ob ich die dortigen Tropfen von Anno dazumal heute trinken wollte. Goethe höchstselbst wusste wahrscheinlich nur zu gut, warum er seinen Wein vom Stein so  liebte…

Um dem Geunke ein Ende zu bereiten, spreche ich gleich aus, was jeder in Thüringen nun wahrscheinlich hören will und ich tue es im Brustton der Überzeugung: Heute ist alles besser! Der erste Wein vom Weinhaus Weimar, der fürstliche Auxerrois, ist ein sehr guter, zwar leichter und lustiger, aber durchaus ernst zu nehmender Tropfen, den ich besten Gewissens nicht nur Landkarten – Abtrinkern aus Gründen der Vollständigkeit empfehlen will. Deutlich gelb gefärbt steht er im Glas und verkündet schon in der Nase, dass diese unterschätzte, weil zu oft missbrauchte, Rebsorte ein Anverwandter der Burgunderfamilie ist. So ist sein Bouquet nicht allzu trivial fruchtbetont (leider wohl Reinzuchthefen – aber ich bin ja kein Fanatiker…) und anregend, zur deutlich spürbaren Zitrusfrische gesellt sich eine gewisse Herbheit und Kraft, die einiges an Mineralitiät und Körper vermuten lässt. Und tatsächlich: Goethe hätte an diesem Wein sicherlich seine wahre Freude gehabt, ist dieser doch nicht nur ein Jünger der leichten Muse in Form von animierender Säure und feiner Fruchtigkeit. Nein, dieser Auxerrois ist mit seiner deutlichen und markanten Mineralität und seiner ordentlichen Durchschlagskraft eine fast schon hochkulturelle Kampfansage an seine oft dünnen und geschichtslosen Artgenossen von der Obermosel.

Natürlich muss man attestieren, dass Auxerrois sicherlich niemals das Zeug dazu haben dürfte, wirklich Weine von Weltgeltung hervorzubringen. Aber das muss die Sorte auch gar nicht! Außerdem: Dieser proschwitzsche Wein kommt diesem Ziel näher, als die allermeisten Auxerrois, die ich bislang getrunken habe. Ich finde überdies, dass ein solches Maß an Ernsthaftigkeit und Seriosität angesichts der extrem jungen Reben (erst 2008 gepflanzt!) fast schon als sensationell bezeichnet werden muss. Da kann man in und um Weimar zweifellos optimistisch in die Zukunft blicken…

Leider – so ist es nun einmal – trinken unsere ostdeutschen Mitbürger voller Lokalpatriotismus die meisten ihrer guten Weine selbst, so dass man im hiesigen, unbelehrbaren Chiantisäuferland fast nichts abbekommt. Im Fall unseres beachtlichen Auxerrois ist die Beschaffung naturgemäß noch etwas schwieriger, da der Ertrag aufgrund der erwähnten Babyreben noch extrem gering ist und der Verkauf ohnehin limitiert wurde. Wir wären jedoch nicht Schumanns Weinblog, hätten wir nicht einen Onlineshop gefunden, der noch einige Flaschen dieses begehrten Neulings auf Lager hat. Bitte unbedingt probieren, Ihr Wessis…

13,50€ bei DeWeKo

WWW.SCHUMANNS-WEINBLOG.DE

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2 Kommentare
  1. Alex. Schilling
    Alex. Schilling says:

    „Zwar habe ich noch unlängst die Existenz einer wirklich eigenen Identität und Seele des sächsischen Weines in Abrede gestellt, aber man lernt nie aus…“

    Hatte mir damals schon schwer überlegt, ob man das so stehen lassen könnte, aber, offensichtlich hat es der Pfad der Erleuchtung auch getan 😉

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  1. […] Seele abzusprechen. Freilich habe auch ich als bekennender Weinwessi anerkannt, dass der Fortschritt in Siebenmeilenstiefeln durch Sachsen und seine Nachbarterritorien eilt, aber was ich in dieser […]

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