Schmölzer Blauer Wildbacher Reserve 2007 Steiermark

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[dropcap2]D[/dropcap2]er grüne Veltliner ist der unangefochtene Platzhirsch in den Weingärten unserer südlichen Nachbarn. Danach kommt – zumindest im weißen Bereich – erst einmal lange nichts. Es mag schon sein, dass auch aus internationalen Sorten immer mehr herrliche Tropfen entstehen, aber der Österreicher an sich ist nicht nur beim Skisport Patriot, er trinkt auch in der Mehrheit streng vaterländisch. Ich finde diese Haltung, solange sie nicht in önologischen Chauvinismus und ignorante Engstirnigkeit ausartet, überaus lobenswert, denn sie ermöglicht es den einheimischen Winzern, gute Preise für ihre guten Produkte abzurufen und sich dafür nicht permanent rechtfertigen zu müssen. In Piefkeland noch immer übliche Sätze wie „Dafür bekomme ich ja auch einen Franzosen!“ müssen sich die beneidenswerten Weingärtner zwischen der Wachau und dem Südburgenland jedenfalls nicht gefallen lassen…

In einem solch loyalen Trinkklima verwundert es wenig, dass der gemeine Österreicher tendenziell auch seinen regionalen autochthonen Spezialitäten fester die Treue hält, als der wankelmütige Sparpreuße. Viele alte und wertvolle Reben wie der phantastische Rotgipfler in der Thermenregion profitieren hiervon und erreichen zunehmend global wettbewerbsfähiges Topniveau, das man ihnen noch in der jüngsten Vergangenheit nicht im Traum attestiert hätte. Auch der gemischte Satz ist wieder en Vogue, man pflegt eben sein kulturelles Erbe auch abseits pompöser Bälle… Allerdings ist auf diesem Gebiet auch bei unserer Nachbarn nicht alles Gold was glänzt, der Begriff „Kulturgut“ ist auch immer Auslegungssache. Für mich persönlich ist bei weitem nicht alles um jeden Preis schützenswert, nur weil es dieses Siegel der Unantastbarkeit trägt. Andernorts zählen ja bekanntermaßen auch Anachronismen wie Vielweiberei irgendwie zur „Kultur“…

Worauf ich anspiele sind die nicht selten regelrecht gruseligen und für Exterritoriale oft schlicht untrinkbaren regionalen „Kultgetränke“ vom Schlage eines Uhudlers oder Schilchers. Die Frage, ob derartige Rachenputzer noch einen Platz in einer immer kritischeren, bewusster genießenden und vor allem sich immer weniger sinnlos betrinkenden Welt haben, möchte ich unbeantwortet lassen. Allerdings will ich heute einem dieser furchteinflössenden Nostalgika auf den Zahn fühlen, denn es gibt mittlerweile tatsächlich mutige Winzer, die versuchen, aus der Schilchertraube Blauer Wildbacher ernsthaften Wein zu erzeugen, den man auch abseits planmäßiger Pensionistenbesäufnisse trinken kann. Als mir eine im Österreich – Segment ausgesprochen gut aufgestellte Händlerin kürzlich eine derartige Flasche in die Hand drückte und mich bat, meine Meinung über deren, tatsächlich auf den ersten Blick tiefroten, Inhalt in die Tasten zu hauen, da bekam ich es schon ein wenig mit der Angst um meine Geschmacksknospen zu tun. Aber ich vertraute letztlich doch ihrer Expertise und ergriff mit spitzen Fingern die zweifelhafte Probe. Bereut habe ich es sicherlich nicht…

Das Weingut Schmölzer  liegt in der Steiermark, einer der trendigsten Regionen in ganz Österreich. Hier regiert der modische Sauvignon blanc seit Jahren mit eiserner Hand, er duldet zwar eine gewisse Konkurrenz neben sich, allerdings ist er ganz klar der Primus inter Pares. Das Weißweinportfolio des Familienbetriebes trägt dieser regionalen Schwerpunktsetzung Rechnung, es gibt Sauvignons in verschiedenen Qualitätsstufen von der puristischen „Steirischen Klassik“ bis zum gewichtigen Lagenwein. Neben der grasig – floralen Loireschönheit gibt es zudem noch eine ganze Reihe anderer weißer Sorten, sowohl klassisch österreichische, als auch internationale, wie den hier Morillon genannten Chardonnay. Etwas bemerkenswert fand ich als Österreich – Amateur und chronischer Verallgemeinerer die doch recht ansehnliche Palette an Rotweinen des Hauses Schmölzer: Hier dominieren ganz klar die nationalen Ikonen Blaufränkisch und Zweigelt, von unserem Blauen Wildbacher konnte ich auf der Homepage jedoch keine Spur finden. Dies liegt in der simplen Tatsache begründet, dass es, wie mir von kundiger Seite versichert wurde, keinen aktuellen Jahrgang unseres wundersamen Kandidaten gibt. Man bereitet diesen Tropfen nämlich nicht annähernd jedes Jahr. Wenn ich richtig informiert bin, dann gab es seit dem verkosteten 2007er überhaupt keinen Blauen Wildbacher Reserve mehr. Wer nun meint, man habe resigniert von dem Vorhaben abgelassen, aus der zweifelhaften Schilchertraube ernsthaften Wein herzustellen und verramsche die letzten paar überalterten Pulle an die dusseligen Piefkes, der hat sich jedoch gehörig geschnitten.

Beim Weingut Schmölzer ist man sich ganz offensichtlich der Brisanz eines solchen Experimentes bewusst und geht äußerst verantwortungsvoll damit um. Es gibt nur in außergewöhnlich guten Jahren einen Blauen Wildbacher Reserve, wenn schon, denn schon… Ich habe mir sagen lassen, dass ein neuer Jahrgang im kleinen Holzfass auf seine baldige Abfüllung wartet, im Moment gibt es aber tatsächlich nur den von mir verkosteten Wein – und das wahrscheinlich auf deutschem Boden ausschließlich beim genannten Fachhändler. Doch lange Rede, kurzer Sinn, wie schmeckt sie denn nun überhaupt, diese gereifte Seltenheit verpönter Provenienz?

Zwiespältig. Ganz eindeutig zwiespätig. Ich kann mich auch nach langwierigster Überlegung nicht zu einem endgültigen Urteil über diesen Wein durchringen, nur so viel: Ja, es handelt sich eindeutig um einen Rotwein, sogar um einen ausgesprochen tieffarbigen und nicht eben schwachbrüstigen. Ich mag ihn auch irgendwie, nur muss man so etwas trinken? Braucht es derartige Nobelzweckentfremdungen einer an sich trivialen Thematik bei all den hochwertigen Sorten auf der Welt? Ich möchte diese berechtigte Frage ganz eindeutig mit ja beantworten, denn es kann für den wahren Weinsuchenden in meinen Augen gar nicht genug derartige Bewusstseinserweiterungen geben, denn sie schärfen die Sinne und sind dem Abbau von überkommenen Vorurteilen mehr als dienlich!

In der Nase ein auf den ersten Atemzug unvereinbares Potpourri von Eindrücken. Reife Holz- und Kaffeenoten prallen geradezu auf – für das fortgeschrittene Alter des Weines bemerkenswert junge – Frucht von süßen Erdbeeren. Man erschnuppert zugleich pubertäre Frische und gereifte Schwere, feine Zitronenmelisse und gestrenge Rauchigkeit. Müsste ich diesem Bouquet ein pauschalisierendes Etikett verpassen, dann wäre „ambivalent“ glatt untertrieben… Im Mund dann ebenfalls Gegensätze in Reinkultur, ein stattlicher Bursche von Rotwein mit süßen, irgendwie spritzigen Fruchtkomponenten und einer Säure- und Tanninstruktur, die noch ein langes Leben verheißt. Unfassbar eigentlich… Böse Zungen würden dem Wein zur vollständigen Beschreibung vielleicht den Anflug eines gewissen „Fox – Tones“  attestieren, wie man ihn bei nordamerikanischen Hybridreben häufig findet. Ich bin in Folge dieser wirklich außerordentlichen Trinkerfahrung weit milder gestimmt und möchte zum Abschluss lieber einen Vergleich bemühen, der zwar ein wenig hinkt,  jedoch zumindest für mich nicht ganz an der Sache vorbeigeht: Wenn es auf der Welt einen Weintypen geben sollte, der nur im Entferntesten in einem aromatischen Verwandtschaftsverhältnis zu diesem Premium – Wildbacher steht, dann ist das für mich jugendlicher Beaujolais Cru.

Wer soll nun so etwas trinken? Ist ein solcher Wein nur eine weitere weingewordene Freakshow für die saturierten Kehlen von Menschen, die schon alles gekostet haben und die von keinem gewöhnlichen Wein mehr stimuliert werden? Ich glaube nicht. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass es dieser Blaue Wildbacher vom Weingut Schmölzer mit all seiner Widersprüchlichkeit schaffen könnte, unterschiedlichste Trinkertypen bei einer Flasche friedlich und in Harmonie zu vereinen. Barriquefreunde könnten ihn genauso lieben wie Holzhasser, Anhänger der leichten Muse könnten sich mit ihm ebenso anfreunden wie passionierte önologische Operngänger. Man muss nur seine Scheu überwinden und sich auf ihn einlassen…

14,50€ bei delikatEssen in Nürnberg

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