Schumann im Burgunderhimmel (Teil 1)

20 Okt
20. Oktober 2016
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Ich bin wieder da!

 

Zu Beginn dieses ersten Beitrags seit mehr als einem Jahr – Asche über mein Haupt – möchte ich mich nicht lange mit Erklärungen, Rechtfertigungen oder gar Entschuldigungen aufhalten.

Nur eines sei demjenigen unter den geneigten Lesern gesagt, der sich wirklich für meine Person oder meine schreibende Tätigkeit interessiert:

Es waren weder haarsträubende persönliche Abgründe noch anders geartete schicksalhafte Katastrophen, die für meine sträfliche Abwesenheit sorgten. Ich fühlte mich nach gut drei Jahren einigermaßen regelmäßigen Schreibens über Wein lediglich temporär absolut unfähig, etwas auch nur einigermaßen Vernünftiges in die Tasten zu hauen, war intellektuell noch ausgebrannter und erschöpfter als ohnehin schon…

Allerdings – und das ist die erste gute Nachricht für alle treuen Freunde von Schumanns Weinblog – hatte diese Schreibblockade keinerlei Auswirkungen auf mein Trinkverhalten. Weinselig, genusssüchtig und motiviert wie eh und je habe ich auch in den letzten zwölf Monaten verkostet, getrunken und ab und an auch hemmungslos gesoffen – Wein ist und bleibt mein Steckenpferd, ja meine große Liebe!

Doch nun ist Schluss mit der schon wieder viel zu ausschweifenden Vorrede, ich möchte gleich in meinem ersten Beitrag nach meiner hoffentlich erfolgreich abgeschlossenen Blogger-Rekonvaleszenz einen richtigen Kracher mit der Leserschaft teilen – genauer gesagt sogar zehn mehr oder minder sensationelle Flaschen, die Gegenstand einer äußerst privaten und noch exklusiveren Verkostung waren, der ich vor einigen Wochen beiwohnen durfte…

 

Coq und Chambertin – Große Weine im kleinen Kreis

 

Mit Sammlern von wirklich großen und teuren Kreszenzen habe ich oftmals so meine liebe Mühe. Nicht selten gehören derlei meist wohl betuchte Zeitgenossen einer in meinen Augen wenig beneidenswerten Spezies von – so gut wie immer männlichen – Alphatieren an, die kauft und hortet, um sich dann, wenn sie einmal alle Jubeljahre eine ihrer sündhaft teuren Kronjuwelen ans gemeine Trinkervolk verfüttert, auch standesgemäß beweihräuchern zu lassen.

Solche Weinfreunde müssen nicht zwangsläufig krakeelende Angeber mit ausgeprägter Profilneurose sein, jedoch versuche ich, jegliches Verkosten in derartigen Kreisen weitestgehend zu vermeiden, da dort ehrliche Meinungen oder gar Kritik eher weniger gefragt sind, weil sie die erwünschte Salbung des Spenders mit den süß duftenden Ölen der Dankbarkeit und Anerkennung nur stören würden…

Die Mäzene des zu beschreibenden Sonntagnachmittags sind jedoch von ganz anderem Schrot und Korn, nichts läge ihnen ferner als den Ausschank von Spitzenweinen als Plattform zur eitlen Selbstdarstellung zu nutzen. Ich möchte nicht weiter ins Detail gehen, nur so viel: Die Runde war klein, freundschaftlich verbunden und ausgesprochen weinaffin und -kundig. Das Menü, welches den heiteren Reigen an roten Burgunder unterschiedlichster Provenienz begleitete, war handwerklich – nicht nur für ambitionierte Hobbyköche – perfekt komponiert und zubereitet und wurde ausgesprochen gut auf die verkosteten Weine abgestimmt. Ich werde daher in der Folge auch die servierten Gänge zumindest kurz erwähnen.

 

Mehr als Vorgeplänkel – Cool Climate zum Cappuccino

 

Um eine gewisse Dramaturgie mit durchgängiger Steigerung zu gewährleisten, wurden zum anfänglichen Gockel – Cappuccino mit Tandoori – Hühnerspieß zwei vergleichsweise eher kleine Burgunder gereicht, die beide aus kühleren Regionen stammen. Den Anfang machte der jugenfrische und daher trotz langer Belüftung noch nicht wirklich komplett befriedigende 2015er Saar – Pinot aus dem Kanzemer Altenberg vom Weingut Rinke. Gewiss ein bezaubernder Leichtwein mit herrlich animierender Säure und eleganter Frucht – allerdings sollte man hier zumindest noch den nächsten Winter ins Land gehen lassen…

Ihm zur Seite stand der biodynamische 2008er Sancerre Rouge von der Domaine Vacherin, mit Sicherheit ein etwas kraftvollerer Wein von höchster Individualität, der jedoch aufgrund seiner, trotz der beginnenden Reife, noch immer zumindest ausgesprochen fordernden Säurestruktur für ein eher geteiltes Echo sorgte. Am nächsten Tag soll er sich allerdings weit versöhnlicher gezeigt haben, wie die Gastgeber berichten.

Ein etwas schwieriger Start, doch so blieb zumindest ausreichend Luft nach oben…

 

Paté mit Blut, Schweiß und ein paar Tränen

 

Nachdem das Motto des Menüs – ausgesprochen passend zu einer Verkostung roter Burgunderweine – quasi „nose to tail“ vom echten, ausgewachsenen Hahn war, erschien es nach dem anfänglichen Auszug aus den mühsam entbeinten Karkassen des hoffentlich zumindest zu Lebzeiten glücklichen Federviehs mehr als nur folgerichtig, als Zwischengang eine durchaus prägnant gewürzte Terrine aus seinem Inneren zu reichen. Der Leber-Paté wurden drei eher deftige, ja teilweise sogar kraftstrotzende Pinot Noirs zur Seite gestellt, die sich dennoch als gänzlich unterschiedlich erwiesen:

Den Anfang machte der 2013er Pinot Noir von Frank John aus der Pfalz, ein trotz seiner Jugend bereits überraschend zugänglicher, hoch eleganter und bemerkenswert komplexer Spätburgunder allererster Güte. Ein absoluter Charakterkopf vom Demeter – Kleinwinzer, nur ganz wenig geschwefelt und dennoch glockenklar und bei aller Kraft und Würze von geradezu betörender Grazie. Man war sich bei Tisch zum ersten Mal einig…

Der zweite Tropfen zur Terrine war der einzige Österreicher des Tages, der 2011er Pinot Noir Reserve vom Weingut Alphart aus der Thermenregion, einem der nicht allzu zahlreichen ausgewiesenen Burgunder-Experten der Alpenrepublik. In diesem Fall war das Feedback wieder etwas uneinheitlicher, da sich der Quoten-Ösi als vergleichsweise ausladend und holzgeprägt erwies. Ich möchte es in einem Satz versöhnlich auf den Nenner bringen, dass wir es hier ganz gewiss mit einem hervorragenden Pinot Noir, jedoch keinesfalls mit einen Burgunder zu tun hatten…

Mangelnde Burgundizität kann man dem dritten Kandidaten schon aufgrund seiner Herkunft ganz gewiss nicht vorwerfen, dem 2006er Gevrey-Cambertin Clos St. Jacques von Bruno Clair. Dennoch starrten viele der Teilnehmer etwas ratlos in ihre Gläser. Schuld hieran war die – von mir normalerweise präferierte – komplette Absenz schmeichelnder Primärfrucht, an deren Stelle eine wirklich geballte Ladung morbider animalischer Eindrücke trat. Die anfängliche Dominanz von Kuhstall, Sattelleder und aufgebissener Unterlippe wich zwar ein Stück weit dem sprichwörtlichen nassen Laub, jedoch verfiel kaum ein Teilnehmer in den Zustand der Verzückung. Dieser Umstand war gewiss auch der Tatsache geschuldet, dass es der knapp dreistellig bepreiste Franzose auch am Gaumen mit seiner – von mir in Maßen ebenfalls geschätzten – Missachtung jeglicher Gefälligkeit ein klein wenig übertrieb…

Bevor ich zum unbestrittenen Höhepunkt meiner Ausführungen komme, möchte ich hier unterbrechen, um den geneigten Leser nicht über Gebühr zu ermüden. Teil 2 mit erstaunlich fidelen Luxus – Greisen aus Burgund und anderen absolut erstklassigen Tropfen samt meines subjektiven, teilweise überraschenden Resümees folgt in den nächsten Tagen. Und von unserem famosen Coq wird auch noch die Rede sein…

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