Spanisches Frühlingserwachen

30 Mrz
30. März 2017
Print Friendly

 

 

Zurück zu den Wurzeln oder wie alles begann

 

Wer diese Seite schon länger verfolgt weiß, dass ich nicht schon zu Beginn meiner Trinkaktivitäten im übertragenen Sinne in Rhein und Mosel gebadet habe. Mein Interesse für Wein, ja für Kulinarisches im Allgemeinen, begann an den Gestaden des Mittelmeers. Dieser Umstand mag die meisten unter den geneigten Lesern nicht sonderlich verwundern, waren doch gewiss nicht wenige heutige Rieslingnerds und Burgunderanbeter noch vor einem Jahrzehnt eingefleischte Barloisti oder hingebungsvolle Brunelloschlürfer.

Meine persönliche alkoholische Sozialisation begann jedoch nicht in Italien, sondern in Spanien, genauer gesagt in Katalonien. Aufgrund freundschaftlicher Verbindungen war ich von frühester Jugend an im trauten Familienkreis beinahe alljährlich an der Costa Brava, wo man mich allerdings weniger an den überfüllten Stränden noch überfüllterer Tourighettos antreffen konnte, denn in Klosterruinen, Museen, Kunstgalerien und nicht zuletzt – meinen Erzeugern sei Dank – mehr als anständigen Restaurants. Auch abgesehen vom legendären El Bulli, das nur wenige Minuten von unserem permanenten Domizil gelegen war, bot diese Region schon recht früh außergewöhnlich viel für den Genussmenschen, der ich beinahe unweigerlich zu werden begann…

So erscheint es geradezu zwangsläufig, dass mich meine ersten eigenen Gehversuche im Weinbereich mit Hilfe spanischer Tropfen unternahm. Man kann noch immer klar erkennen, dass ich dieser frühen Liebe recht lange treu blieb, wenn man sich die frühen Artikel auf Schumanns Weinblog vor Augen führt.

 

Spanischer Wein – Die Wiederentdeckung einer alten Liebe

 

Es steht außer Frage, dass das iberische Königreich nicht gerade das gelobte Land der zeitgenössischen Weinelite ist. Der Gigant in der südwestlichen Ecke des Kontinents ist denn auch weder Vorreiter in Sachen Terroir noch bevorzugter Tummelplatz der Naturweinbewegung, von wenigen Ausnahmen abgesehen findet hier trotz zahlreicher autochthoner Sorten beinahe nichts statt, dass den Weinhipster von der Retrocouch reißt. Das beste, was man aus derlei vermeintlich berufenem Munde über den spanischen Wein hört, ist die oft ein wenig gönnerhafte, ja mitleidige Bemerkung, dieses große historische Weinland sei ein verlässlicher Lieferant von anständigen Alltagsweinen zur Stillung des Durstes der Massen. Von den nicht wenigen ambitionierten Kreszenzen des Landes würdigt man in diesen Kreisen zumeist nur einige superklassische Riojas als etwas angestaubte Kuriositäten. Die neuen Ikonen, die seit den 90ern auf den Markt drängten, werden – mit wenigen bemerkenswerten Ausnahmen – oft noch immer als Inkarnation der vormals stilbildenden Parker-Monsterwein-Hegemonie angesehen.

Da ich ab und an romantische Anwandlungen an mir beobachte, habe ich in den letzten Wochen dieses – zugegeben ganz bewusst etwas überspitzt formulierte – Spanienbild einer gründlichen Überprüfung unterzogen und sehe mich im Ergebnis geradezu genötigt, in nächster Zeit die eine oder andere Lanze für den spanischen Wein zu brechen. Denn was ich, nicht zuletzt aus bisher eher randständigen Regionen des Landes, ins Glas bekam, das gibt in meinen Augen mehr als nur Anlass zur Hoffnung…

 

Marti Fabra 2013 Masia Carreras

 

Beginnen möchte ich meine unregelmäßige Spanien-Apologie mit einem Wein eines Betriebs, dessen Entwicklung ich nun schon seit gut einem Jahrzehnt verfolge und der mich stets erstaunt hat – nicht zuletzt deshalb, weil er hierzulande noch immer so gut wie unbekannt und wenig verfügbar geblieben ist.

Der Celler Marti Fabra liegt in der katalanischen Appellation Emporda, irgendwo im Nirgendwo zwischen dem Golf von Roses und der regionalen Winzerhochburg Capmany im Ladesinneren. Der noch immer bei weitem größte Teil der Produktion der Gegend fließt in die Cava-Produktion ein oder wird von geradezu allmächtigen Genossenschaften zu netten, aber eher belanglosen Touristenerfrischungen verarbeitet. Allerdings schlummert in den Böden dieser uralten Kulturlandschaft offensichtlich so viel Potenzial, dass nicht zuletzt der lokale Platzhirsch Castillo Perelada seit längerem alte aufgegebene Weinbergsterrassen rekultiviert um dort auf seltenem Granit aussagekräftige Spitzengewächse zu entsprechenden Preisen zu erzeugen.

Der Celler Marti Fabra ist in derlei Sphären zwar noch nicht vorgedrungen – und gerade deshalb lohnt es sich in jedem Fall, das gesamte auf rund 28 Hektar gewachsene Portfolio zu verkosten. Der Rebsortenspiegel des Hauses ist sehr breit gefächert, neben einigen internationalen Varietäten dominieren jedoch ganz klar typisch katalanische beziehungsweise spanische Trauben.

Die rote Spitze, um die es heute gehen soll, trägt den Namen Masia Carreras und wird zum allergrößten Teil aus Carignan sowie einem Schuss Merlot bereitet. Zweifelsohne handelt es sich beim verkosteten 2013er um eine typisch mediterrane Wuchtbrumme mit stolzen 15 Prozent Alkohol, jedoch kommt schon beim nasalen Erstkontakt niemals das Gefühl auf, man würde an verholzter Marmelade schnuppern. Bei aller Intensität und Kraft durchzieht den Masia Carreras eine gewisse Frische und kräutrige Würze, die vom Holz nur eingerahmt aber nicht erschlagen wird.

Im Mund verfestigt sich dieser positive Eindruck, zur selbstredend sehr reifen dunklen Frucht gesellen sich in der Tat faszinierend viele Komponenten von südlichen Küchenkräutern und eine nicht zu unterschätzende Festigkeit, ja beinahe Strenge, die wohl vom erwähnten Untergrund herrührt. Der Masia Carreras ist in diesem Stadium bereits mit einigem Vergnügen auch für einen überzeugten Leichtweintrinker wie mich trinkbar, wenn man ihm nur ausreichend Luft zuführt, sollte jedoch auch noch gut über ein Jahrzehnt seinen Mann stehen. Alles in allem ein typischer, sich jedoch keinesfalls dem vermeintlichen Massengeschmack anbiedernder kapitaler Roter aus meiner historischen Weinheimat, der Lust auf mehr Spanien macht…

0 replies

Leave a Reply

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

© Copyright - Schumanns Weinblog - Impressum