Then Sommeracher Katzenkopf Faberrebe Kabinett trocken 2011 Franken

Schumanns_Weinblog_Then_Faberrebe_2011von Christian Schumann

[dropcap2]D[/dropcap2]ieser Wein ist farbenfrohes Unterhaltungkino, eine hübsche, handfeste Hollywood – Komödie und kein schwer verständlicher Autorenfilm, in dem sich Gauloises rauchende, dürre Geschwister in verkommenen Pariser Altbauwohnungen stundenlang inzestuös anschmachten… Auch wenn sich gerade heute in vielen Teilen des Landes der Winter noch einmal zurückmeldet, so ist dies doch sein letztes Aufbäumen vor dem unvermeidlichen Ende. Der Frühling wird kommen und mit ihm der Durst nach ungezwungenen, knackigen und frischen Terrassen-, Garten-, Balkon- und Weißgottnochwas – Süffelweinen…

Zugegebenermaßen behandeln wir hier auf Schumanns Weinblog die sogenannten Neuzüchtungen etwas stiefmütterlich. Diese kollektive und planmäßige Schmähung hat jedoch ihre Ursachen: So haben die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert – mit Müller-Thurgau begann alles – allerorten wie wild zusammengekreuzten Rebsorten nicht eben dazu beigetragen, den zu dieser Zeit noch überaus guten Leumund des deutschen Weinbaus weiter zu befördern. Ganz im Gegenteil: Nicht zuletzt mit der Epoche der Neuzüchtungen begann der erst schleichende, später rasante Niedergang einer vormals geschichtsträchtigen Weinbaunation von Rang. Dabei waren die Neuzüchtungen an sich überaus deutsch (auch wenn der Müller aus dem Thurgau kam…) und passten perfekt ins Selbstverständnis unserer – man kann es aus heutiger Sicht kaum noch für möglich halten – damals überaus fortschrittsgläubigen Vorväter. Die Ingenieurnation Deutschland setzte auf Rationalisierung in allen Lebensbereichen, schnöde Daten und Messwerte rückten in den Fokus selbst der traditionell konservativen Winzer. Das Mostgewicht wurde zur Götze der neuen Zeit und hohe Erträge und Resistenzen gegen Schädlinge zur heiligen Kuh, die man nicht nur an Rhein und Mosel schlachten wollte. Der absolute Tiefpunkt dieser önologischen Industriellen Revolution war in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts erreicht. Weindeutschland war in diesen Tagen nicht mehr, was es noch ein halbes Jahrhundert zuvor gewesen war.

Wie groß die Narben sind, die diese planmäßige Verhunzung im Gedächtnis der damaligen Weintrinker zurückließen, kann man noch heute unschwer in Gesprächen mit Zeitzeugen bestätigt bekommen: Das Ansehen des deutschen Weines wurde derart umfassend und tiefgreifend ruiniert, dass man in bestimmten Altersgruppen bisher noch immer nicht zur Kenntnis genommen hat, dass seit mindestens zwei Jahrzehnten ein ganz anderer Wind, der Wind der Qualität und der Rückbesinnung auf die glorreiche Vergangenheit, durch die Weinberge der Republik weht. Der selbstbewusste urbane und gebildete Feintrinker älteren Semesters betrachtet noch immer zu oft guten deutschen Wein als kuriose Randerscheinung. Die Masse ist für ihn noch immer dünn, süßlich und wenig ernsthaft…

Man kann an dieser Stelle zur versuchten Ehrenrettung der Neuzüchtungen anmerken, dass in jenen, von möchtegernsozialistischer Gleichmacherei geprägten Tagen, auch viel Mist aus höherwertigen Reben gekeltert wurde, ja dass selbst der edle Riesling auf Höchsterträge getrimmt und seines Charakters beraubt wurde. Das ist unstrittig! Damals sollte auch im Weinbau mehr Demokratie gewagt werden und die Heilsbringer vernichteten oder verwässerten viele große Lagen der Vergangenheit mit dem Banner der Gleichheit und Brüderlichkeit in der Hand… Alle Rebsorten und Regionen litten unter dieser Zwangsbeglückung, doch die Neuzüchtungen waren ganz eindeutig die größten Profiteure dieser schändlichen Fehlentwicklung, da sie tendenziell weniger Anforderungen ans Terroir stellten und sich daher perfekt dazu eigneten, die Menge des deutschen Weines auf ein kaum mehr trink- und schon gar nicht genießbares Maß aufzublähen. Müller, Scheu, Ortega, Perle, Siegerrebe, Dornfelder, Regent und Co. waren in all ihrer kitschigen Belanglosigkeit gleichermaßen Ursache und Wirkung dieses önologischen Holzwegs…

Auch wenn es der eine oder andere aus unserer Elterngeneration noch immer nicht bemerkt haben sollte: Heute ist alles besser! Die Königin Riesling führt wieder unangefochten die Anbaustatistiken an und der germanische Rebensaft genießt in aller Welt zunehmend höheres Ansehen. Der anfänglich ökonomisch bedingte Gesinnungswandel – der dünne, liebliche Dreck ließ sich schlicht nicht mehr verkaufen – begünstigte vor allen die klassischen hochwertigen Rebsorten und wurde durch die verstärkte Rückbesinnung auf sie erst möglich. Doch – und das ist auch das Schöne an der deutschen Weinrevolution – er führte nicht zu einem abermaligen fanatischen Bildersturm. An vielen Orten blieben die Neuzüchtungen in den Weinbergen und konnten so auch vom Umdenken in der Winzerschaft profitieren. Mittlerweile würde ich so weit gehen zu sagen, dass einige dieser Sorten eine wertvolle und spannende Ergänzung des deutschen Qualitätswein – Portfolios darstellen. Wenn man sie nur hegt und pflegt wie ihre edlen Ahnen…

Ich muss zugeben, dass ich bisher die Faberrebe nur auf dem beschriebenen Papier zur Kenntnis genommen habe. Als wir jedoch vor ein paar Wochen beim – von uns vor allem für seine brillanten und individuellen Silvaner geschätzten – Weingut Then zu Gast waren, gab man uns eine Flasche just dieser Sorte mit auf die Heimreise. Ich erwartete von dieser exotischen Gabe nicht viel, doch meine Neugier war geweckt und ich öffnete den Wein noch am selben Abend. Die Überraschung, die ich erlebte, könnte größer und erfreulicher kaum gewesen sein…

Die Faberrebe ist eine Kreuzung der zweiten Generation. Sie wurde aus dem Urahn aller Neuzüchtungen, dem Müller-Thurgau und Weißburgunder geschaffen. Man kann zumindest aus unserem heutigen Wein unschwer die Vorzüge beider Elternteile herausschmecken. Freilich ist dies kein wirklich grundseriöser, ernster Vertreter der Hochkultur, aber Spaß kann man eine ganze Menge mit diesem herrlich unterhaltsamen und ein wenig plakativen Tropfen haben…

In der Nase jede Menge Creme (wohl vom Weißburgunder) und erfreulicherweise keinerlei Neuzüchtungs – Muskatkitsch. Ich musste an duftige Aloe Vera – Kosmetik aus dem Bioladen denken. Anders als alle anderen Weine, aber gut… Im Mund dann zupackende, frische Säure, glasklare tropische Frucht vom Müller-Thurgau (Maracuja, Grapefruit und Mango) sowie im Abgang leise, völlig unerwartete mineralische Nuancen. Diese Faberrebe schaffte es auf den ersten Schluck, mich von der Existenzberechtigung der Sorte zu überzeugen. So ausgebaut ist sie tatsächlich eine eigenständige Weinpersönlichkeit, die man zwar auf Anhieb in die Kategorie Neuzüchtungen einordnen kann, die jedoch eine neue, farbenfrohe Welt innerhalb dieses Mikrokosmos darstellt.

Liebe Weinsnobs, bitte gebt solchen Weinen ab und an eine Chance! Sie vermögen gewiss nicht als alkoholische Hirnschmiere zur Anfertigung philosophischer Traktate zu dienen, aber einen lauen Frühlingsabend unter Freunden der leichten Muse können sie durchaus bereichern…

6,10€ ab Hof

Follow on Bloglovin

www.schumanns-weinblog.de

Print Friendly, PDF & Email
0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar