Trinken gehen: Weinstelle Nürnberg

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Schumann unterwegs – Gutes ganz nah

 

[dropcap2]D[/dropcap2]ie geneigte Leserschaft wird es längst vermutet haben: Auch ein Schumann trinkt privat. Als wären all die Verkostungsmuster und Probereihen nicht schon genug der alkoholischen Bedröhnung, begebe ich mich einigermaßen regelmäßig auch auswärts auf die Pirsch nach Weinen, die dann – man höre und staune bitte nicht – noch nicht einmal in mein klassisches „Jung, deutsch und vielleicht auch wild“ – Beuteschema passen müssen. Allerdings sollte man als Nicht-Südlicht wissen, dass meine ehemalige und inzwischen wieder berufliche Teilzeitheimat Nürnberg – bei allem gebotenen Lokalpatriotismus – nicht eben gesegnet ist mit vinophilen Hotspots zum Sofortverzehr. So konnte man bis vor ein paar Monaten im bierseligen Schatten der Kaiserburg zwar das eine oder andere ordentliche bis spannende Etablissement besuchen – der Weinweisheit letzter Schluss war die tendenziell typisch süddeutsch arg italien- oder österreichlastige Auswahl bis dato jedoch nie…

 

Weinstelle Nürnberg – Vin Naturel im Bratwurstparadies

 

[dropcap2]D[/dropcap2]as hat sich glücklicherweise seit Ende April schlagartig geändert, als der in der Szene wohl auch über die Grenzen der Region gut beleumundete Musikproduzent und DJ Florian Seyberth seine „Weinstelle“ in einem ruhigen und vielleicht etwas randständigen Winkel der Altstadt eröffnete.

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Herr Seyberth ist – und das meine ich explizit positiv – weder ein abgezockter Weinprofi, noch ein Marketingmensch auf der Suche nach modischen Konzepten. Die Tatsache, dass sich die Weinstelle beinahe ausschließlich dem in richtig großen Städten megahippen Vin Naturel verschrieben hat, ist folglich keine Reaktion auf diese Hippness, sondern einzig dem Umstand geschuldet, dass der Inhaber seit Jahr und Tag so gut wie keine anderen Weine mehr zu sich nimmt. In der Weinstelle Nürnberg wird von Florian Seyberth nämlich exakt der Wein ausgeschenkt, getrunken, gelebt und vermittelt, der ihm selbst am besten schmeckt – auf ein glaubhafteres Geschäftsmodell bin ich noch selten gestoßen und ich überprüfe es weitaus öfter, als es meinem körperlichen Wohlbefinden zuträglich ist…

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Dominanz der wilden Franzmänner

 

[dropcap2]I[/dropcap2]m Mittelpunkt des Sortiments der Weinstelle steht – wie sollte es beim Thema Vin Naturel auch anders sein – die Grande Nation der Weinwelt. Allerdings findet man im ebenso spartanisch wie stilvoll gestalteten Gastraum kaum Vertreter der klassischen Herkünfte konventioneller „großer“ Weine. Einzig die Loire – schon länger ein Mekka der Bewegung- ist mit einigen, teilweise aufregend andersartigen Tropfen aus nicht gerade weltläufigen Rebsorten wie dem mir bis vor kurzem gänzlich unbekannten Grolleau am Start, der große und nicht minder spannende Rest stammt aus dem glutheißen Süden mit seinen zahllosen, nicht selten etwas anarchistisch angehauchten Aussteiger-Winzern, sowie aus urwüchsigen, jedoch hierzulande so gut wie überhaupt nicht wahrgenommenen Regionen wie der Ardèche und dem Jura mit seiner langen Tradition im Bereich der oxidativ ausgebauten, kantigen Weißweine.

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Dazu gesellen sich einige markante Italiener, die – auch wenn einige vergleichsweise massentaugliche Ausnahmen die Regel bestätigen – nichts, aber auch gar nichts für die grau melierte Prosecco- oder Pinot Grigio-Fraktion Nürnbergs sein dürften… Deutscher Wein wird von Florian Seyberth ebenfalls serviert, allerdings viel seine überaus treffliche Wahl auf diesem Gebiet vor allem auf die im besten Sinne archaischen Silvaner und Müller-Thurgaus des neuen infant terrible des Frankenweins Stefan Vetter. Die Preisgestaltung der Weinstelle Nürnberg kann man – besonders wenn man sich vergleichend durch dutzende Weinbars im In- und Ausland getrunken hat – nur als überaus fair kalkuliert bezeichnen. Dies gilt ebenso für die offen ausgeschenkten Tropfen, wie für die im gleich gegenüber der Weinstelle gelegenen Keller gelagerten Flaschenweine für den Außer-Haus-Verkauf.

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Trinktipps: Jura vor Ort, Loire to go

 

[dropcap2]A[/dropcap2]ls unbedingten Trinktipp für den Erstkontakt möchte ich dem geneigten Leser einen einigermaßen famosen Jura-Chardonnay vom Chateau Guinand aus dem Jahrgang 2008 mit auf den Weg in die Nürnberger Altstadt geben, der sich innerhalb eines Tages nach der Öffnung verändert wie ein wundersames Chamäleon. Wenn man sich hingegen ein Stück der Philosophie der Weinstelle mit ins traute Heim nehmen möchte, führt ganz sicher kein Weg an den  Abfüllungen der Loire-Dependance der kürzlich verstorbenen burgundischen Biodynamik-Ikone Anne-Claude Leflaive vorbei. Hier kommt, neben einer roten Cuvée und einem reinsortigen Cabernet Franc auch wieder der erwähnte mysteriöse Grolleau in Spiel…

Weinstelle – Bar à Vins Naturels
Radbrunnengasse 4
90403 Nürnberg
www.weinstelle.de

 

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