Weingut Poss: Royale Grauburgunder von der Nahe

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Die Königninnenmacher von der Burgunderinsel

 

[dropcap2]D[/dropcap2]ie Nahe ist vielleicht das komplizierteste aller deutschen Anbaugebiete. Was bei eingefleischten Weinverrückten Begeisterungsstürme auslöst, das kann beim nicht mit sämtlichen Großen Gewächsen gewaschenen Konsumenten schon mal für Kopfzerbrechen sorgen: Die Nahe steht für weit mehr, als für große Rieslinge auf Augenhöhe mit dem Rheingau und der Mosel, die Nahe zeichnet sich nicht zuletzt durch einen extrem kleinteiligen Flickenteppich unterschiedlichster Böden und eine große Vielfalt an Rebsorten aus. Den einen Nahewein wird man nicht finden, man hat es vielmehr mit einem geradezu babylonischen Gewirr verschiedenster Ausdrucksstile zu tun, das nicht nur in Deutschland seinesgleichen sucht…

Da ich zuletzt feierlich gelobt habe, mich fortan wieder mehr Nichtrieslingen und vor allem Nichtmöselchen zu widmen, will ich in der Folge einen Betrieb vorstellen, der – anders als die meisten anderen Weingüter an der Nahe – so gut wie überhaupt keinen Riesling im Portolio hat. Was in dieser Kosequenz zunächst einmal erstaunlich scheint, das ist jedoch so ungewöhnlich nicht, wenn man sich die geographische Lage des Weingut Poss vergegenwärtigt. Der gut 10 Hektar umfassende Familienbetrieb liegt nämlich in der nicht selten als Burgunderinsel bezeichneten Gemeinde Windesheim im nördlichen Teil der Region. Über drei Viertel der Produktion entfallen auf Weiß- und Grauburgunder, dazu kommen ein wenig Spätburgunder und nur therapeutische Mengen an Reisling. Diese Gewichtung alleine macht das Weingut Poss bereits zum vielleicht bedeutendsten Burgunderspezialisten an der Nahe – die Qualität der von mit verkosteten Weine lassen die Expertiese jedoch noch weit eindrucksvoller ausfallen…

Bevor ich mich im ersten Teil meiner Betrachtung der weißen Burgunderweine vom Weingut Poss mit zwei kapitalen Grauburgunder-Granaten befasse, möchte ich jedoch zunächst Licht ins Dunkel bezüglich meiner anfänglichen hochadeligen Anspielungen bringen. Viele Weinfreunde wissen es längst, aber es sollte meines Erachtens trotzdem nochmals erwähnt werden: Der jüngste Spross der Familie Poss, die Geisenheimstudentin Nadine Poss, ist ihres Zeichens gerade im Moment nichts geringeres als die amtierende gesamtdeutsche Weinkönigin. Da trifft es sich natürlich bestens, dass Frau Poss nicht nur über alle westentlichen ästhetischen und intellektuellen Primärtugenden verfügt, derer es bedarf, um den heimischen Wein in seiner ganzen Bandbreite im In- und Ausland gekonnt zu repräsentieren, sondern dass die rotbeschopfte junge Dame – quasi als i-Tüpfelchen – aus einem Stall stammt, der weit über der Norm liegende Weine auf die wuchtige Burgunderflasche bringt.

Die weißen Burgunderweine vom Weingut Poss sind nicht nur für meinereiner in ihrer Häufung und individuellen Klasse an der gesamten Nahe nur schwer zu toppen. Dabei – und das ist mir besonders wichtig – geht man beim Weingut Poss höchst differenziert und mit Augenmaß vor. Es gibt in normalen Jahren exakt drei Qualitäten – Gutsweine, Selektionweine und Einzellagenweine – von jeder der beiden Leitsorten. Dabei stammen die Flaggschiffe der letztgenannten Kategorie nicht in jedem Jahrgang aus demselben Weinberg und die Vinifikation der jeweiligen Gewächse unterscheidet sich teilweise erheblich. So ist beispielsweise der Ausbau von Weißburgundern in neuem Holz weitestgehend tabu, während die Grauburgunder schon mal eine Ladung Röststoffe und Vanille vom französichen Barrique mit auf ihren langen Lebensweg bekommen.

Grob zusammengefasst erfolgt der Ausbau der Weine vom Weingut Poss in etwa wie folgt: Alle weißen Burgundervarietäten durchlaufen eine gewisse Maischestandzeit und ein mehr oder minder langes Hefelager nach der Gärung. Diese Verfahren verleihen bereits den anschließend im Edelstahl gereiften Gutsweinen eine ausgesprochen einnehmende Cremigkeit und einen charmanten Schmelz, der in dieser Klasse bei weitem nicht selbstverständlich ist. Die S-Klasse druchläuft nach ihrer Weinwerdung zudem eine längere Phase in gebrauchten Holzfässern kleiner und großer Bauart, wobei der Holzeinfluss auf die Weißburgunder stets zumindest ein wenig geringer ausfällt als der auf die Grauburgunder. Die Lagenweine kommen zudem partiell in neue Barriques – allerdings auch hier die Grauburgunder eher als ihre filigraneren weißen Artgenossen. Es gibt beim Weigut Poss – und das ist verdammt gut so – keine festen Regeln, die Ausbauweise richtet sich nicht nach einem im Vorfeld definierten Schema F, sondern nach dem jeweiligen Most. So legt das Weingut Poss sehr treffsicher Zeugnis davon ab, dass burgundische Weinbereitung zwar immer recht viel mit Kellertechnik zu tun hat, dass deren Ausmaß jedoch bei wahren Könnern stets von der Natur und nicht vom Menschen diktiert wird…

 

Weingut Poss 2010 Grauer Burgunder „Fels“

 

[dropcap2]D[/dropcap2]er 2010er Grauburgunder aus der Einzellage Windesheimer Fels ist ein herausragendes Beispiel für dieses Augenmaß der verantwortlich zeichenden Brüder Poss: Auch wenn für mich 2010 nie das so oft zitierte und noch häufiger geschmähte Kehrseitenjahr war, zu dem es viele Weinexperten gerne von Beginn an machen wollten, so wäre übermäßiger Holzeinsatz dennoch der sichere Tod dieses zwar ungeheuer festen und auch nicht eben schlanken Tropfens gewesen, der sich aber trotzdem vergleichsweise jahrgangstypisch frisch und präzise gibt. Da die Familie Poss jedoch mit Eiche so gekonnt umgeht, wie ich persönlich es im Weißweinbereich hierzulande noch selten gerochen und geschmeckt habe, verströmt der 2010er „Fels“ neben allerhand reifer Frucht und perfekt dosierter Holzwürze auch feine und beinahe schon filigran anmutende florale Noten von gerade im Trocknen befindlichen Wiesenblumen.

Im Mund kann und will der „Fels“ dann gar nicht tiefstapeln und gefällt mit sehr reifer und auch unverholen extraktsüßer Apfel- und Birnenfrucht. Allerdings gerät dieser selbstbewusste Vortrag nie zur Portzerei, denn der Gesamteindruck bleibt auch im minutenlangen, von feinen Röstnoten und deutlichen Tanninen geprägten Abgang erfreulich frisch, klar und präzise. Ohne Frage handelt es sich beim 2010er „Fels“ vom Weingut Poss um einen ausgewogenen, mindesens noch 5 bis 10 weitere Jahre lagerfähigen Burgunder von Format und Klasse, bei dem das Wort „Holzgerüst“ in seinem ursprünglichen, stützenden Sinne zu verstehen ist…

 

Weingut Poss 2011 Grauer Burgunder „Berg“

 

[dropcap2]V[/dropcap2]on ganz anderem Schrot und Korn ist der 2011er Ausnahmejahr-Lagen-Grauburgunder aus dem Winzeneheimer Berg, was jedoch keineswegs als gewichtend oder gar wertend verstanden werden sollte! Im krassen Gegensatz zum mit 13,5 Volumenprozent vergleichsweise schlanken und ranken 2010er „Fels“ zeigt dieser barocke Kraftprotz (14,5%) seine reichlich vorhanden Kurven überaus bereitwillig. In der Nase deutet er seine Virilität und Pracht bereits an: Neben viel gelbem Apel und beinahe überreifer Birne fällt die ausgeprägte Kräuterwürze und eine gewisse von mir nicht näher definierbare Rotfruchtigkeit auf. Der Holzeinsatz scheint etwas stärker ausgefallen zu sein als beim sehnigeren Bruder aus dem Porblemjahr, doch das kann dieser eindrucksvolle Tropfen ohne Frage ab!

Im Mund lautet das Stichwort nämlich Komplexität – die überbordende Frucht wird bestens von Sekundärarmonen im Zaum gehalten, die an Haselnuss-Karamell und feines Gebäck erinnern. Nur gefällig und mundfüllend zeigt sich der „Berg“ dennoch nicht, denn die zwar milde, aber überaus präzise Säure, die recht markanten Tannine und mehr als nur anklingende Mineralik sorgen für ausreichend Biss. Der Alkohol – und das ist für einen deratigen Brummer schon außergewöhnlich – ist so gut wie überhaupt nicht wahrnehmbar, der Abgang erscheint endlos und – bis hierhin hatte ich diesen Vergleich vermieden – wahrhaft burgundisch…

Demnächst folgt ein ausführlicher Beitrag über die Weißburgunder vom Weingut Poss!

Die Lagenweine vom Weingut Poss gibt es ab Hof je nach Jahrgangu und Lage für 19 bis 25€.

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  1. […] Weingut Poss aus Windesheim an der Nahe, hier erst kürzlich im ZUsammenhang mit zwei grandiosen Grauburgundern löblich erwähnt, dürfte mit seiner straffen und stets überschaubaren Weinliste für den […]

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