Weingut Walter Riesling Spätlese trocken 2012 Mosel

14 Aug
14. August 2013
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Endlich wieder Riesling, endlich wieder Mosel!

 

Freilich bin ich Franke. Ich bin es eigentlich sogar ganz gerne, selbst wenn ich nicht zum weit verbreiteten Wurst- und Bier-Lokalpatriotismus samt fußballerischem Kollektiv-Masochismus neige. Auch dem Silvaner spreche ich nicht selten und mit Lust zu und die Tatsache, dass der Frankenwein auf Schumanns Weinblog stets so ausgiebig gewürdigt wird, ist beileibe nicht nur den kurzen Wegen geschuldet. Ich habe jedoch in den letzen Wochen und Monaten – allen samtigen Pinots, erdigen Silvanern und cremigen Charonnays zum Trotz – wieder einmal feststellen müssen, wo meine Weinheimat wirklich liegt, ja wohin es mich – zumindest in der warmen Jahreszeit – unverhältnismäßig oft zieht, wenn ich ohne Rücksicht auf die Vielfalt und Ausgewogenheit des Blogs nur das trinke, was ich wirklich trinken will: Mein sommerliches Herz dümpelt rücklings in der Mosel, blickt sehnsüchtig auf die legendären Steillagen an ihren Ufern und träumt dabei von nichts anderem als vom Riesling, dem leichten und unvergleichlich eleganten…

Warum ist das so? Warum mag ich eigentlich so gut wie jeden anständigen Tropfen, der zwischen Saarburg und Kobern-Gondorf gedeiht, egal ob er weltmännisch groß oder alltagstauglich klein und süffig, ob er staubtrocken und rasiermesserscharf oder ausladend honigsüß ist? Ich denke, es ist eine Gegenreaktion. Eine verdammt lang anhaltende, aber immer noch eine Gegenreaktion auf die viel zu vielen zu schweren und ermüdenden Weine, mit denen für mich alles begann. Ich trinke einfach zu gerne, als dass ich mich mit ein oder zwei Gläsern schwer alkoholischen Traubenextrakts zufriedengeben kann. Wenn ich einmal angefangen habe, dann will ich mehr… Ich bin kein Profiverkoster, ich will mich den ganzen Abend lang mit einem Wein befassen, in tatsächlich auch leeren und nicht nur an ihm nippen. Bis ich mir ein Urteil gebildet habe, muss zumeist die ganze Flasche dran glauben. Ich brauche keine Prestige-Tropfen, die mich beim ersten Schluck ausknocken, ich will – auch wenn es für Nichtromantiker affektiert klingen mag – geduldig in einen Wein hineinhorchen können, ohne zuvor berauscht vom Stuhl zu fallen…

Es gibt zahlreiche Gründe, weshalb gute Moselweine derart perfekt auf meinen persönlichen Geschmack zugeschnitten sind und ich möchte sie nicht alle aufzählen. Daher in der Folge nur die wichtigsten in der gebührenden Kürze: Moselriesling ist eigentlich niemals wirklich schwer oder gar belastend. Das heißt, dass ich immer ausreichend viel von ihm trinken kann, ohne vor der Zeit unzurechnungsfähig zu werden. Außerdem sind selbst viele eher kleine Möselchen kein Fast Food, sie können – besonders wenn sie süß sind – verdammt gut reifen und werfen sich einem nicht gleich beim ersten Date an den Hals wie zweifelhafte Verführerinnen. Sie wollen, dass man sie kennen lernt und sich mit ihnen befasst und sie sorgen nur ganz selten dafür, dass man gleich beim ersten verlockenden Augenaufschlag aus den Latschen kippt. Der wichtigste Grund jedoch, aus dem ich hervorragenden Mosleriesling so sehr liebe wie vielleicht einen zweiten Wein, ist die Tatsache, dass er eigentlich immer eine irgendwie zwiegespaltene Persönlickeit hat: Die Mosel – das gilt auch und besonders für Saar und Ruwer – steht immer für Gegensätze, ja einen ewigen Kampf zumindest zweier Pole um die Deutungshoheit im Glas. Vielleicht nirgends sonst auf der Welt duellieren sich unverfängliche Trinkfreunde und intellektueller Anspruch, Süße und Säure, Schlankheit und Opulenz sowie Frucht und Gestein derart erbarmungslos wie am gewundenen nördlichen Rand der Riesling-Hemisphäre. Und nirgends kommt etwas harmonischeres dabei heraus…

Meine Rückkehr an die Mosel – andere tolle Weine werden in den nächsten Wochen folgen – möchte ich heute mit einem herrlichen und ganz typischen Riesling feiern, der aus einem alteingesessenen und auf dem Papier nicht sonderlich prominenten Haus stammt, dass jedoch in letzter Zeit ganz gehörig in Schwung gekommen ist und von dem man in Zukunft noch viel hören wird.

 

Weingut Walter in Briedel – Die Spätlese im 21. Jahrhundert

 

Das Weingut Walter liegt in Briedel an der Mittelmosel und befindet sich seit Urzeiten in Familienbesitz. Die Walters treiben sage und schreibe seit dem Jahr des Herren 1568 Weinbau, was bedeutet, dass man nur schwerlich von wirklichen Newcomern sprechen kann… Allerdings weht seit der erst vor kurzem erfolgten Rückkehr des Juniors Gerrit Walter ordentlich frischen Wind durch die alten Gemäuer: Die Etiketten wurden marktgängig, aber wunderbar unübertrieben und stilsicher aufgehübscht und man hat eine schmucke Vinothek eingerichtet. Das wichtigste sind jedoch die Weine und hier kann Gerrit Walter ordentlich auftrumpfen, denn der junge Herr hat sich als Kellermeister beim längst aufgegangenen Stern Dreissigacker in Rheinhessen seine ersten Sporen verdient, die er nun daheim vergolden will und in meinen Augen auch wird.

Ich möchte einem etwaigen ausführlichen Winzerportrait nicht mit trockenen Infos vorgreifen – ich werde in den nächsten Wochen an die Mosel fahren und gewiss auch das Weingut Walter besuchen – und mich in der Folge meinem heutigen Kandidaten zuwenden, der zeigt, dass die Walters ihr Handwerk wirklich verstehen und man sich daher nicht wundern sollte, wenn in ein paar Jahren ein altes Gestirn in neuem Glanz am Firmament über der Mittelmosel funkelt…

Die Briedeler Riesling Spätlese trocken aus dem für mich verspäteten Kometen-Jahr 2012 (1811, 1911,…) vom Weingut Walter ist in meinen Augen Mosel-Spätlese pur mit allen wesentlichen Charakteristika, derer es im 21, Jahrhundert bedarf. Feine, ja beinahe ausufernde exotische Frucht, eine pointierte, stets präsente aber niemals anstrengende Säure von der Präzision feinmechanischer Instrumente aus dem weltweit einmaligen deutschen Mittelstand und eindeutig zuzuordnender, schiefermineralischer Herkunftscharakter zeichnen diesen modernen Riesling der Oberklasse aus, der jedoch nie seine historische Verantwortung verleugnet: Zwar prangt auf der schlanken Schlegelflasche in unmissverständlichen Lettern „trocken“ und der Wein passt sich zumindest analytisch dem momentan angesagten Geschmacksprofil an, doch stellt er keineswegs einen neumodischen Bruch der guten alten Spätlese-Tradition dar. In ihrem Innersten ficht die Briedeler Riesling Spätlese trocken nämlich den genannten und glücklicherweise auf immer und ewig unentschiedenen, sehr moselanischen Kampf zwischen Säure und Süße aus, der gemeinhin auch Spiel genannt wird und der – bei allem anspruchsvollen mineralischen Ausdruck – diesen Tropfen zu einem niveauvollen Liebling der Massen machten sollte…

Wo wir gerade beim Thema Masse sind, gilt es noch zu bemerken, dass diese famose Spätlese vom Weingut Walter durchaus in höheren Dosen verträglich ist, da sie bei aller Komplexität und aromatischer Dichte mit nur 12,5% Alkohol für ihre Prädikatsstufe erfreulich schlank und erfrischend geraten ist. So etwas findet man (fast) nur an der Mosel und ich sehe mich angesichts des Heidenspasses, den ich mit dem Wein hatte, genötigt, schon bald einen zweiten Tropfen vom Weingut Walter auf Schumanns Weinblog zu präsentieren. Dann wird es der geneigte Leser aber endgültig mit einem durch und durch modernen Moselaner zu tun haben, nämlich einem herrlich beschwingten und fruchtigen Weißburgunder…

9,20€ bei Schumanns Weinshop

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  1. […] ab sofort wieder mehr meinen ureigensten Trieben folgen und verstärkt Moselwein trinken. Nach dem famosen Wiedereinstieg in die Materie beim Weingut Walter in Briedel zog es mich – vorerst noch rein theoretisch […]

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