Winzerportrait: Weingut A. Waigand Erlenbach Churfranken

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von Christian Schumann

[dropcap2]I[/dropcap2]ch habe meinen Worten Taten folgen lassen und sind tatsächlich letztens nach Churfranken gefahren, um unseren überaus positiven Eindrücken bei der Verkostung der Weine einiger dort angesiedelter Newcomer vor Ort auf den Grund zu gehen. Die erste Station war das auf Schumanns Weinblog hier und hier bereits gewürdigte Weingut Waigand in Erlenbach am Main. Diese mit rund 10000 Einwohnern gar nicht mal so kleine Stadt dürfte auch den meisten ansonsten wohl informierten Weinfreunden erstaunlich unbekannt sein, man mag meinen, dass sie nicht eben der Nabel der Weinwelt sei. Ich bin jedoch mittlerweile der festen Überzeugung, dass sich dies in den nächsten Jahren gehörig ändern könnte, denn es gibt zumindest eine Person (und natürlich flankierend und unterstützend deren ganze Familie), die das Zeug dazu hat, den de facto nicht existenten Ruf der über 750 Jahre alten Weinbautradition von Erlenbach gründlichst aufzupolieren:

Diese Person trägt den Namen Verena Waigand. Verena ist – trotz ihres jungen Alters – bereits mehr als kompetent und gut ausgebildet, also bestens auf die Aufgaben vorbereitet, die es zu bewältigen gilt, wenn man ein kleines (1,7 Hektar!) Familienweingut ambitioniert in die Zukunft führen will: Sie ist ausgebildete Weinküferin, war Erlenbacher Weinprinzessin und hat erst kürzlich ihr Weinmarketing – Studium in Heilbronn abgeschlossen. Dauerhaft zurück in der Heimat scheint der Generationswechsel recht weit gediehen zu sein, allerdings überstürzt Familie Waigand nichts. Ihr Vater kümmert sich noch weitestgehend um die Weinbergsarbeit, während Verena im Keller ihre stringente Qualitätsphilosophie durchziehen kann. Hier wird der viel zu selten zu beobachtende goldene Mittelweg zwischen der Bewahrung des Althergebrachten und einer nicht immer heilsamen Veränderung um jeden Preis mit Leben erfüllt. Mir scheint es so, als könnte man das Motto des Betriebes auch gut mit dem Begriff „Kontrolliertes Geschehenlassen“ beschreiben: Verena Waigand hat weitestgehend freie Hand bei der Verwirklichung ihrer ureigensten Vorstellung von guten Weinen, allerdings findet stets eine Kommunikation auf Augenhöhe zwischen den Generationen statt. Man zieht in Erlenbach an einem Strang und vermeidet so jedes Extrem. Dies schlägt sich klar erkennbar in den Kollektion des Weinguts nieder, auf die ich in der Folge kurz eingehen will.

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Alle Weine des Weinguts Waigand stammen aus der Lage Erlenbacher Hochberg, die mit ihren insgesamt 10ha gleichzeitig auch die einzige Lage der Stadt ist. Der Untergrund besteht aus dem Churfranken – typischen Bundsandstein, der steile Weinberg (bis zu 70% Neigung) ist zum überwiegenden Teil terrassiert, viele der uralten Mauern wurden in den letzten Jahrzehnten in mühevoller Arbeit von der Familie Waigand restauriert oder sogar komplett neu angelegt. Allen ehrgeizigen Lagentrinkern dieses Landes, denen wie mir bis vor ein paar Wochen der Hochberg bislang noch kein Begriff war, sei an dieser Stelle mitgeteilt, dass dieses traditonsreiche Terroir jede Menge Potenzial birgt. Geographisch wie klimatisch stellt der Erlenbacher Hochberg nämlich die natürliche Fortsetzung des weit bekannteren Klingenberger Schlossbergs dar, aus dem nicht nur der omnipräsente Paul Fürst die Trauben für einige der besten Weine unseres Landes gewinnt. Es verhält sich obendrein sogar so, dass dank einer der zahlreichen Kuriositäten des deutschen Weinrechts die örtlichen Gemarkungsgrenzen so verlaufen, dass die Waigands theoretisch einen nicht unerheblichen Teil ihrer Weine unter dem Lagennamen Klingenberger Schlossberg vermarkten könnten. Dies brächte sicherlich bezüglich der zu erzielenden Preise und des Renommees einige Vorteile mit sich, wird aber von Verena mit der Begründung abgelehnt, dass sie es sich zu Aufgabe gemacht hat, explizit die Weine Erlenbachs nach vorne zu bringen. Ich finde das ausgesprochen lobenswert und konsequent und hoffe, dass man ihre Anstrengungen und ihre Loyalität vor Ort auch entsprechend würdigt…

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Was die Rebsorten betrifft, findet man in den Weinbergen der Waigands eine ausgewogene Mischung aus fränkischen Leib- und Magentrauben und der modernen önologischen Oberklasse vor: In erster Linie zum Zweck des Ausschanks auf dem Weinfest und an lokale Stammkunden in der mehrfach im Jahr geöffneten Heckenwirtschaft, hält man dem guten alten Müller und dem gerade im benachbarten Klingenberg beliebten Portugieser die Treue. Man will keine himmelstürmende Revolution auf Kosten der etablierten Klientel. Dazu kommt der teutonische Primus Riesling, sowie der in diesen Breiten obligatorische Silvaner, bei dem Verena Waigand ihr Licht vielleicht sogar ein wenig zu weit unter den Scheffel stellt: Sie stellt ganz offen und ehrlich in Frage, ob es auf Bundsandstein im Allgemeinen und im Hochberg im Speziellen überhaupt möglich ist, Silvaner zu vinifizieren, die mit den besten Keuper- und Muschelkalkvertretern des Maindreiecks bezüglich Frucht und Finesse mithalten können. Ich lasse diese sympathisch bescheidene These einfach mal so stehen, gebe aber zu bedenken, dass die bemängelte tendenzielle Breite – so es sie überhaupt gibt – gewiss kein Alleinstellungsmerkmal der Erlenbacher Silvaner ist und denke dabei mit einigem Befremden an so manchen aufgeplusterten Monster – Kabinett gerade der Würzburger Platzhirsche, neben denen die waigandschen Interpretationen wie oft schmerzlich vermisste Reminiszenzen an den guten alten, fränkisch trockenen und straff erdverbundenen Stil wirken.

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Ihr Hauptaugenmerk und ihr im Überfluss vorhandenes Herzblut verwendet Verena Waigand jedoch definitiv auf die Bereitung von Weinen aus den Burgundersorten. Wie überall im Rotweinland am Mainviereck steht der Spätburgunder im Mittelpunkt des Angebots, es gibt momentan deren vier auf der hauseigenen Weinkarte. Neben dem eher fruchtbetonten, gefälligen und leicht zugänglichen „Churfranken“ haben es uns die drei Lagenweine aus dem Hochberg besonders angetan, da sie in ihrer Gesamtheit etwas leisten, dass man leider viel zu selten in dieser Präzision vorfindet: Es ist für jeden Konsumenten zu jeder Zeit nachvollziehbar, was jede Qualitäts- und Preisstufe im Sortiment zu leisten imstande ist und welchem Zweck der jeweilige Wein dienen soll und kann. Der „einfache“ Gutswein ist – keineswegs banal – eher leicht, süffig, durchaus säurebetont und animierend. Er will nicht mehr sein, als er sein kann und teilt dies auf beachtlichem Niveau seinem Trinker immer unmissverständlich mit. Die „S – Klasse“ geht einen, ebenso leicht nachzuvollziehenden, Schritt weiter und wirft von allen guten Eigenschaften des Spätburgunders einfach noch etwas mehr in den Ring: Mehr Frucht, mehr Fülle, etwas mehr Holz, mehr Reifepotenzial, schlicht mehr Klasse… Diese präzise Abstufung findet ihre logische Fortführung und endgültige Krönung dann im barriquegereiften Spitzenrotwein des Gutes.

Als letzten Schwerpunkt möchte ich zum Abschluss meiner Vorstellung der Weine von Verena Waigand den Weißburgunder erwähnen, den sie laut eigener Aussage persönlich ganz besonders schätzt und den sie gerade im Hochberg als eine der prädestinierten Leitsorten betrachtet. Auch hier sind die Qualitätsstufen glasklar und nachvollziehbar wie die Weine: Der trockene Kabinett ist frisch, unkompliziert, hat eine Lust auf mehr machende Säure und lässt doch nicht den sortentypischen, charmanten Anflug von Burgunderschmelz vermissen. Die Spätlese hingegen gibt sich unmissverständlich als ambitionierter Lagerwein mit cremiger Fülle und einem Plus an Frucht und Mineralik zu erkennen. Dass auch die Weißweine der Waigands das Zeug dazu haben, mehrere Jahre in Würde zu reifen und noch an Klasse zuzulegen, beweist die Weißburgunder Spätlese aus 2007, die wir das ungetrübte Vergnügen hatten zu verkosten. Beide Weißburgunder werden grundsätzlich im großen Holzfass ausgebaut.

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Im Keller finden wir es dann wieder, das überzeugend gelebte kontrollierte Geschehenlassen: Verena Waigand gibt ihren Weinen Zeit. Die Zeit, die sie brauchen. Lediglich ganz zu Beginn der Weinwerdung erfolgt – quasi als Starthilfe – der Einsatz von neutralen Reinzuchthefen. Da ich auf diesem Gebiet kein pseudoreligiöser Fanatiker bin, bin ich gerne bereit, Verena Waigand zu glauben, dass dies für ihre Art von Wein der richtige Weg ist. Sie hat der spontanen Vergärung mittels kellereigener Hefen experimentiert und war von den Ergebnissen nicht überzeugt – abermals eine klare Aussage mit klaren Auswirkungen aufs Handeln. Wir hier bei Schumanns Weinblog suchen gerade solche ehrlichen und transparenten Winzer, bei denen das Ergebnis im Vordergrund seht und nicht die Weltanschauung…

Bei Verena Waigand  habe ich in jedem Fall gefunden, was ich suche: Die junge Dame weiß, was sie tut, was sie will und vor allem, dass sie mehr will. In den nächsten Wochen geht es für sie nach Neuseeland zur Erkundung der anderen, der großen Seite derselben Medaille. Ich bin mir sicher, dass sie von dort viel mitbringen wird und trotzdem weiterhin der Versuchung widersteht, in wie auch immer geartete Extreme zu verfallen. Wir von Schumanns Weinblog wünschen Ihr auf jeden Fall viel Spaß und freuen uns schon auf die 2012er vom Weingut Waigand…

www.schumanns-weinblog.de

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  1. […] und Spätburgunder führt. Ich möchte der hier bei Schumanns Weinblog wohlbekannten Winzerin Verena Waigand keineswegs unterstellen, dass sie mit meinem heutigen Kandidaten auf einen fahrenden Zug aufspringt, […]

  2. […] einmal wieder einen Tropfen aus Franken vorstellen. Gegenstand meiner Betrachtung soll ein Wein vom Weingut Waigand im churfränkischen Erlenbach am Main sein, das als Quelle für hervorragende weiße und rote […]

  3. […] umgehauen – wahrlich eine andere Welt als bei unseren fränkischen Leib- und Magenwinzern (hier und hier)… Nach einer ausgiebigen Runde durch die riesigen alten Gewölbekeller mit teils […]

  4. […] 2 unserer Churfranken – Tour: Von Erlenbach  ging es gleich am selben Nachmittag nach Bürgstadt, also direkt ins Herz des Rotweinwunderlandes. […]

  5. […] mit diesen Worten wurde Verena Waigand in Schumanns Weinblog beschrieben. Anfang letzter Woche bekamen wir Besuch von Christian Schuman und Alex Schilling, zwei […]

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