Winzerportrait: Weingut Helmstetter Bürgstadt Churfranken

08 Feb
8. Februar 2013
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von Christian Schumann

Teil 2 unserer Churfranken – Tour: Von Erlenbach  ging es gleich am selben Nachmittag nach Bürgstadt, also direkt ins Herz des Rotweinwunderlandes. Unser Ziel war das Weingut Helmstetter, ein 5 Hektar Familienbetrieb, der hier und hier bereits dank einiger wirklich außergewöhnlicher Weine auf Schumanns Weinblog  gewürdigt wurde. Uns war schon nach dem Studium der Homepage klar gewesen, dass wir es hier – trotz der ebenfalls durchaus überschaubaren Größe – mit einer gänzlich anderen Interpretation des Genres Familienweingut zu tun bekommen würden. Trotzdem war ich, erst einmal angekommen, gelinde gesagt positiv überrascht…

Um ehrlich zu sein bin ich eigentlich kein besonders großer Freund von modernistischen Weingutsgebäuden und blitzenden High Tech – Kellereien. So etwas ist für mich zu oft zu viel Schall und Rauch und nicht selten auch etwas zu kurz gedacht: Moden und Stile ändern sich, da gilt es, bei der Modernisierung behutsam vorzugehen und vor allen nicht den Wein an sich aus den Augen zu verlieren… Ich kann den geneigten Leser an dieser Stelle jedoch beruhigen, denn die Helmstetters haben auf diesem Gebiet alles goldrichtig gemacht und es vorbildlich verstanden, den Spagat zwischen Zeitgeist und Zeitlosigkeit zu meistern. Neben immer wiederkehrenden Symbolen aus der Welt des Weines kann man nahezu in jedem Raum des Hauses die zwei Materialien wiederfinden, die es vor allem dam Seniorchef Erhard Helmstetter besonders angetan zu haben scheinen: Den Buntsandstein als gottgegebene Basis zur Gewinnung großer churfränkischer Weine, sowie das Holz der Spessarteiche als Mittel zu deren Verfeinerung. Diese Elemente ziehen sich wie ein roter Faden durch das auch sonst überaus gelungene und stilvolle Ambiente sowohl der Hotelzimmer als auch des Weingutes. Überhaupt scheint man gerade beim Hotel einen Volltreffer gelandet zu haben, die Nachfrage wächst und rechtfertigt so einerseits die sicherlich nicht eben unerhebliche Investition und verschafft der Familie andererseits Luft zum Atmen bei der Realisierung des wichtigsten gemeinsamen Projektes, nämlich der Erzeugung feiner Weine. Denn eines darf auch angesichts des sehr selbstbewussten Auftrittes nach außen niemals aus den Augen verloren werden: Das Weingut Helmstetter ist und bleibt ein recht kleiner Familienbetrieb, der nicht mittels schierer Quantität erfolgreich sein kann und will. Hier führt kein Weg an einer kompromisslos gelebten Qualitätsphilosophie vorbei!

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Dies scheinen jedoch alle Familienmitglieder vorbildlich verinnerlicht zu haben, denn bei allem berechtigtem Stolz auf das neue Gutsgebäude und Hotel bleibt der Wein das Kriterium, an dem sich alles sonst zu messen hat. Herr Helmstetter Senior und sein Sohn Max ziehen hier an einem Strang, es findet kein klassischer Generationswechsel statt. Dies ist jedoch sicher kein Makel, denn Erhard Helmstetter ist gewiss alles andere als ein Hemmschuh für weiter wachsende Weinqualitäten! Er ist sicherlich kein Freund der allzu leisen Töne und verkauft seine Errungenschaften auch nicht unter Wert. Das kann man sich in Bürgstadt auch erlauben, denn die Weine halten stets, was Auftritt und Verpackung versprechen. In unserem langen und intensiven Gespräch kam überdies klar zum Ausdruck, dass man sich im Hause Helmstetter sehr realistisch einschätzt und Reflexion ein wesentlicher Bestandteil der ureigensten Philosophie ist: Das Erreichte dient niemals als Hängematte für Selbstzufriedenheit, man strebt stets voran und erkennt durchaus hier und da noch einigen Optimierungsbedarf. Was diese Mischung aus Selbstbewusstsein und -kritik anbetrifft bin ich überaus zuversichtlich bezüglich der Zukunft des Hauses…

Doch nun zum Wichtigsten, zum Objekt der Begierde, zum Wein: Fast alle Tropfen des Weinguts Helmstetter haben ihren Ursprung im Bürgstädter Centgrafenberg, der Prestigelage schlechthin am Mainviereck. Dazu kommen einige Rebflächen in der Edelparzelle eben dieses Weinberges, dem Hundsrück, die seit kurzer Zeit mit Fug und Recht zu einer eigenen Lage aufgewertet wurde. Der Rebsortenspiegel ist klassisch fränkisch nicht eben knapp bemessen, es finden sich ebenso regionale Spezialitäten wie Müller – Thurgau, Silvaner und Domina, wie auch weltläufige Edelreben a la Sauvignon blanc, Weiß-  und natürlich Spätburgunder. Über den hervorragenden Frühburgunder des Hauses habe ich ja bereits ausführlich berichtet… Das Sortiment ist wohl durchdacht und nicht zu umfangreich, es beinhaltet stets sympathische Basisqualitäten für den schnellen und ungezwungenen Verzehr, eine breite Mittelklasse bereits durchaus anspruchsvoller, immer fruchtbetonter Lagenweine, die locker ein paar Jahre der Reife vertragen, sowie einer ganzen Reihe von Spitzengewächsen mit einem R auf dem Etikett, die sich gewiss nicht nur im näheren Umkreis nicht zu verstecken brauchen… Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich von den zahlreichen Weißweinen der Helmstetters noch nicht allzu viel verkostet habe. Allerdings weiß ich spätestens seit dem Genuss des hauseigenen Sauvignons, dass es sicher ein Fehler wäre, die Helmstetters als reine Rotweinspezialisten zu bezeichnen! Gerade im Fall dieser von mir ansonsten nicht eben hochgeschätzten Sorte fällt wieder die erwähnte Hingabe und Konsequenz bezüglich der Qualität auf: Man betrachtet die edle Loire – Traube in keiner Weise als vermeintlich modischen Gag oder gar als neue Cash Cow. Nein, man sieht in ihr eine sinnvolle Ergänzung des Portfolios, die ausschließlich in entsprechende Güte gewährleistenden Parzellen gepflanzt wurde. Nicht jeder Winzer verfährt so, aber viel mehr sollten es zum Wohle ihres Rufes tun…

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Besonders stolz ist Herr Helmstetter Senior auch auf seinen sortenreinen Spätburgunder brut, denn er war einer der ersten weit und breit, die schon vor Jahrzehnten das Potenzial der Rebe zur Sektherstellung erkannten. Entsprechend routiniert gibt sich denn auch der aktuelle Jahrgang  dieses traditionell flaschenvergorenen und handgerüttelten Weines: Delikate, aber nie überdrehte Frucht geht hier eine charmante Allianz mit einer überaus feinen Frische und diskreter Perlage ein.

Ich möchte der Familie nicht unrecht tun, aber in einer Region wie Churfranken wird die Leistung eines Betriebes an nichts so sehr gemessen, wie an seinen roten Burgundern. Hier liegt denn auch in meinen Augen die wahre Stärke der Helmstetters: Neben dem brillanten Frühburgunder schaffen es sämtliche Pinots auf Anhieb und über alle Qualitäts- und Preisstufen hinweg, das zu vermitteln, was ihren Erzeugern wohl am wichtigsten ist: Sie sind allesamt (ob Gutswein oder Barriqueflaggschiff) überaus süffige, trotzdem immer seriöse und gehaltvolle Speisebegleiter, die jedoch immer auch solo Freude bereiten. Man will – so habe ich das jedenfalls verstanden – nicht um jeden Preis intellektuelle Kultobjekte schaffen, auch die feinsten Spätburgunder (R) sollen fröhlich und in vernünftigen Mengen trinkbar sein.

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Was den Stil der Rotweine anbelangt, finden sich die beiden Elemente in jeder Flasche wieder, die auch dem Haus einen hohen Wiedererkennungswert verleihen: Der Buntsandstein sorgt in Verbindung mit dem mildesten Klima ganz Frankens für entsprechende Traubenreife und die Spessarteiche, aus der beinahe alle Fässer des Weingut gemacht sind, steuert ihre ganz eigene, bodenständig entschlossene Würze bei. Kein roter Burgunder der Helmstetters verleugnet ihren Einsatz, sie sind allesamt durchzogen von einer rauchig – röstigen Holzader, die jedoch selbst bei den in neuen Fässern ausgebauten Spitzenvertretern niemals die Oberhand über die Fruchtfülle gewinnt. Selbstverständlich nimmt der Neuholzeinsatz mit der Qualität zu, die Helmstetterschen Weine sind gewiss keine Tropfen für Eichenallergiker, aber so großzügig der Barriqueeinsatz auch dosiert ist, so voller Bedacht ist er auch bemessen, wenn man erst einmal versteht, zu welchem Zweck jeder einzelne Wein geschaffen wurde:

Die Oberklasseweine des Weinguts Helmstetter sind nämlich gewiss nicht zum schnellen und unbedachten Verzehr gedacht, sie brauchenZeit und belohnen diese Geduld dann mit wirklich äußerst angenehmen Trinkerfahrungen. Wir konnten uns vom Reifepotenzial der besten Gewächse überzeugen – was nach ein oder zwei Jahren noch etwas unrund und hölzern wirkte, dass verwandelt sich nach deren vier oder fünf in burgundisch mundfüllenden Samt und edle Seide. Alle Roten der Helmstetters sind zudem überaus tieffarbig – dies rührt jedoch ausschließlich vom hohen Grad der Extraktion her und nicht wie andernorts so oft vom Einsatz von Deckrotweinen, den man hier kategorisch ablehnt. Ich möchte auch hier nicht falsch verstanden werden: Natürlich kann man alle Rotweine des Hauses schon recht früh mit einigem Genuss trinken, jedoch entfalten sie ihre ganze, zweifellos vorhandene Klasse erst nach etwas Kellerhaft…

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Wer nicht ganz so lange warten will, der sollte den Bestseller des Hauses, den mittelgewichtigen aber keineswegs mittelmäßigen „Churfranken“ in sein Glas lassen. Hier bekommt man bereits für weniger als 10 Euro einen überaus typischen niveauvollen Einblick in die Leistungsfähigkeit der Region im Allgemeinen und der Helmstetters im Speziellen.

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  1. […] wie ein feste Größe hier bei Schumanns Weinblog. Bereits vor weit mehr als einem Jahr führe mich einer meiner ersten Außeneinsätze in den schnieke aufgemöbelten Familienbetrieb am Rand des rotweinseligen Städtchens am Untermain. […]

  2. […] Silvaner Kabinett von Helmstetter ist sicher kein lauter Revolutionär, keiner der mit gehobener Faust vor der Absperrung steht, ist […]

  3. […] – wahrlich eine andere Welt als bei unseren fränkischen Leib- und Magenwinzern (hier und hier)… Nach einer ausgiebigen Runde durch die riesigen alten Gewölbekeller mit teils monströsen […]

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